Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 64 - 16.11.2017

Ausbildungsreport der DGB-Jugend Baden-Württemberg

Ein Drittel der Befragten beklagt zum Teil gravierende Mängel in der Ausbildung

Bezirksjugendsekretär Fricke: „Ausbildungsqualität endlich verbessern!“


Die DGB Jugend Baden-Württemberg hat heute ihren zweiten Ausbildungsreport veröffentlicht. Aus der repräsentativen Befragung ergibt sich ein umfassendes Bild zur Qualität der Berufsausbildung im Land. Über einen Zeitraum von knapp 2 Jahren haben sich 1318 Auszubildende aus den laut Bundesinstitut für Berufsbildung 23 meistfrequentierten Berufen beteiligt.

Im Ausbildungsreport wird deutlich, dass gut zwei Drittel der Auszubildenden (67,7 Prozent) mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Umgekehrt heißt das aber auch, dass etwa ein Drittel der Befragten mit ihrer Ausbildungssituation unzufrieden sind. „Dieser Wert ist viel zu hoch. Diese jungen Frauen und Männer starten schon mit einer erheblichen Hypothek ins Berufsleben, die ihrer Motivation schadet und ihre Chancen unter Umständen deutlich schmälern kann“, kritisiert Andre Fricke, Bezirksjugendsekretär beim DGB Baden-Württemberg. So liegt die Zahl der Ungelernten in Baden-Württemberg bei knapp 13 Prozent. Das sei nicht verwunderlich, sagt Fricke. „Im Schnitt brechen in Baden-Württemberg gut 20 Prozent der Auszubildenden ihre Ausbildung vorzeitig ab“.

Im Ausbildungsreport zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen. Angehende Industriemechaniker_innen, Fachinformatiker_innen sowie Elektroniker_innen für Betriebstechnik sind überdurchschnittlich zufrieden, wohingegen insbesondere angehende Friseur_innen, Köch_innen sowie Verkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk mit sehr schlechten Bedingungen in ihren Ausbildungsbetrieben zu kämpfen haben.

Diese weit verbreiteten Defizite zeigt der Report auf:

  • Mehr als 43 Prozent der Auszubildenden leisten regelmäßig Überstunden. Damit liegt Baden-Württemberg deutlich über dem Wert, den der bundesweite Ausbildungsreport der DGB-Jugend aufweist (gut ein Drittel). Auch von Verstößen gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz berichten die Auszubildenden. Über zehn Prozent der minderjährigen Auszubildenden arbeiten mehr als 40 Stunden pro Woche. Das ist gesetzlich verboten.
  • 33,7 Prozent der Auszubildenden liegt kein betrieblicher Ausbildungsplan vor. Sie können ihre Ausbildungsinhalte daher nur schwer überprüfen.
  • Mehr als jeder zehnte Azubi (11,1 Prozent) übt regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten aus, beispielsweise Privaterledigungen für den oder die Chef_in.

„Bei solch gravierenden Problemen in der dualen Ausbildung muss der Gesetzgeber einschreiten“, sagt Bezirksjugend-sekretär Fricke. „Wir fordern, dass das Berufsbildungsgesetz im Sinne der Auszubildenden reformiert wird und dass die zuständigen Stellen, wie die Kammern, ihrer Aufsichtspflicht nachkommen und Verstöße in den Betrieben konsequent ahnden“, so Fricke weiter. „Wenn dies nicht funktioniert, braucht es unabhängige Institutionen, die für die Qualitätssicherung- und entwicklung zuständig sind.“
Die Gewerkschaften sind der Überzeugung, dass sich viele Ausbildungsbetriebe den Nachwuchsmangel selbst zuzuschreiben haben.

„Jahr für Jahr klagen gerade die Branchen über Nachwuchssorgen, die für ihre schlechten Ausbildungsbedingungen besonders bekannt sind“, sagt Alexander Münchow, Landesbezirkssekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Überstunden gehören für viele Auszubildende im Hotel- und Gaststättenbereich sowie im Lebensmittelhandwerk zum Alltag. Da braucht man sich über die hohen Abbruchszahlen der Ausbildungsverträge nicht wundern. Bei der Ausbildung handelt es sich um ein Lernverhältnis. Die bestehenden Tarifverträge müssen eingehalten werden“, unterstreicht Münchow. Dass die Politik aktuell noch über eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes diskutiere, um tägliche Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden zu legalisieren, sei absurd und öffne weiteren Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in vielen Branchen Tür und Tor.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Ausbildungsreports ist die Situation an den Berufsschulen. Hier bestehen insbesondere bei der materiellen und personellen Ausstattung sowie bei der Abstimmung zwischen Schule und Betrieb erhebliche Mängel. Dies beeinflusst den Lernerfolg der Schüler_innen. Zwar bewerten rund 60 Prozent die fachliche Qualität der Berufsschule als „sehr gut“ oder „gut“. In den Fällen, in denen aber die Ausstattung oder die Abstimmung zwischen Betrieb und Schule zu wünschen übrig lassen, sinkt dieser Wert auf lediglich 17 Prozent. Fricke: „Wir fordern deshalb, dass die Rahmenbedingungen an den beruflichen Schulen deutlich verbessert werden. Die Schulen benötigen hierfür mehr finanzielle Unterstützung durch das Land für ihre materielle und personelle Ausstattung. Die Lehrkräfte an Berufsschulen leisten immens wichtige Arbeit. Häufig müssen sie Defizite in der betrieblichen Ausbildung ausgleichen.“ Die Attraktivität des Berufsschullehramts sollte daher durch bessere Arbeitsbedingungen und einer gegenüber der Wirtschaft konkurrenzfähigen Besoldung gesteigert werden.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in Baden-Württemberg nimmt weiter ab. Inzwischen bilden nur noch rund 20 Prozent der Betriebe aus. Auch wenn die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg nicht ganz so angespannt ist wie in anderen Regionen Deutschlands, gibt es auch hier eine Lücke zwischen Ausbildungsinteressierten und angebotenen Plätzen. Die Einmündungsquote bei ausbildungsinteressierten Schulabgänger_innen lag 2016 bei 69,7 Prozent. Um diese auf zunächst einmal 75 Prozent zu erhöhen, bräuchte es in Baden-Württemberg mindestens 5.500 zusätzliche Ausbildungsplätze. „Jugendliche sollen selbstverständlich die Möglichkeit haben, einen Beruf nach ihren Neigungen und Interessen zu erlernen und nicht lediglich für Mangelberufe – mit oftmals schlechter Ausbildungsqualität – angeworben werden“, betont Bezirksjugendsekretär Fricke.

Insbesondere Hauptschulabsolvent_innen haben es schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Fricke weiter: „Die Arbeitgeber müssen endlich ihre Bestenauslese beenden – anstatt sich immer nur über den Fachkräftemangel zu beklagen.“ Er weist auf die zahlreichen Unterstützungs-möglichkeiten hin, wie die assistierte Ausbildung oder die ausbildungsbegleitenden Hilfen, die viel stärker nachgefragt werden könnten. Insbesondere auch ein zweiter Berufsschultag würde Berufsschüler_innen dabei unterstützen, beispielsweise sprachliche Schwächen auszugleichen und eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen.

 

Ausbildungsreport Baden-Württemberg 2017

Andre Fricke, DGB-Bezirksjugendsekretär und Jessica Messinger, DGB-Jugendbildungsreferentin DGB/O. Hustoles


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