Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 55 - 27.10.2021

Kein Weiter so nach Corona!

DGB und Gewerkschaften sehen dringenden Handlungsbedarf bei der Berufsausbildung

Ein angespannter Ausbildungsmarkt, die Digitalisierung und die damit verbundene Veränderung von Berufsbildern, die Transformation in der Industrie und dann noch die Corona-Krise: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sowie die Gewerkschaften IG Metall und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind sich einig, dass die Berufsausbildung in Baden-Württemberg vor riesigen Herausforderungen steht.

Jens Liedtke, Abteilungsleiter Bildungspolitik beim DGB Baden-Württemberg:
„Wir benötigen eine Kehrtwende auf dem Ausbildungsmarkt. Im vergangenen Jahr sind über zehn Prozent der Ausbildugsplätze in Baden-Württemberg weggefallen und die meisten davon nicht aufgrund der Corona-Situation. Wenn diese Kapazitäten nicht zurückgewonnen werden, ist der zukünftige Fachkräftemangel garantiert.“

Besorgniserregend ist der deutliche Rückgang der Bewerber*innen in den vergangenen Jahren. Liedtke weiter: „Wir vermuten, dass viele junge Menschen durch die Corona-Pandemie erstmal abwarten. Wir möchten sie ermutigen, sich für eine Berufsausbildung zu entscheiden. Eine Ausbildung lohnt sich nach wie vor und ist ein hervorragender Start ins Berufsleben.“

In Baden-Württemberg mündet jedes Jahr nur etwa die Hälfte der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Ausbildungsplatzbewerber*innen in eine Berufsausbildung ein. „Trotz des hohen Engagements der Agentur waren das allein 2020 mehr als 20.000 junge Menschen. Zudem haben mehr als 194.000 Menschen in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren im Südwesten überhaupt keinen Berufsabschluss - ein riesiges Potenzial, auf das sich alle Akteure deutlich mehr konzentrieren müssen.“

Besonders betroffen von dem Rückgang an Ausbildungsplätzen ist die Metall- und Elektroindustrie. Christian Herbon, Bezirksjugendsekretär der IG Metall Baden-Württemberg: „Die Metall- und Elektroindustrie steckt in einem tiefgreifenden Wandel. Damit Baden-Württemberg weiterhin technologisch führend ist, müssen jetzt die Fachkräfte von morgen ausgebildet werden. In vielen Betrieben erleben wir leider das Gegenteil. Seit 2019 ist die Zahl der Ausbildungsplätze in den von uns betreuten Betrieben um mehr als 23 Prozent gesunken. In manchen Regionen ist die Ausbildungsbereitschaft sogar um rund ein Drittel gesunken. Die Situation ist paradox: Die Betriebe suchen dringend Fachkräfte, sparen aber bei der Ausbildung. So verbauen sie sich und den jungen Menschen Zukunftschancen.“

Die Situation für Auszubildende im Hotel- und Gaststättengewerbe hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie dramatisch verschärft.
Alexander Münchow, Landesbezirkssekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG): „Während des Lockdowns wurden etliche Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt. In dieser Zeit hielten die Auszubildenden in den meisten Betrieben das Geschäft am Laufen – oft ohne Anleitung durch Ausbildende. Leider hat sich durch die Öffnung von Hotels und Gastronomie die Lage nicht verbessert. Während einige Auszubildende versuchen, ihre vermeintlichen Minusstunden aus dem Lockdown aufzuholen, arbeiten andere 50 bis 60 Stunde pro Woche. Grund hierfür ist wesentlich der Fachkräftemangel.“ Die NGG dringt daher auf Veränderungen im Hotel- und Gastgewerbe. Münchow weiter: „Wir fordern eine deutliche Erhöhung der Ausbildungsvergütungen und eine konsequente Einhaltung des Ausbildungsrahmenplans sowie aller gesetzlichen Regelungen, wie der Höchstarbeitszeit. Mehr Geld, Wertschätzung und verbesserte Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen können die Branche stärken und attraktiver machen.“

Um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die duale Berufsausbildung besser zu erfassen, hat die DGB-Jugend die Corona-Ausbildungsstudie 2021 in Auftrag gegeben. Andre Fricke, Bezirksjugendsekretär der DGB-Jugend Baden-Württemberg: „Die Studie zeigt eindrücklich, wie stark die Auswirkungen der Corona-Pandemie junge Menschen in Ausbildung und die Berufsausbildung selbst unter Druck gesetzt haben. Wir brauchen deshalb so schnell wie möglich eine Ausbildungsgarantie für alle jungen Menschen im Land. Zugleich muss auch die Ausbildungsqualität stärker in den Fokus gerückt werden, denn von Überstunden über ausbildungsfremde Tätigkeiten bis hin zu unzureichender Ausstattung in den Berufsschulen gibt es einen großen Handlungsbedarf.“


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