Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 4 - 21.01.2015
Pressegespräch am 21. Januar 2015 in der Stadtbibliothek Stuttgart:

MENTO – ein Netzwerk für Grundbildung und Alphabetisierung in der Arbeitswelt


In Deutschland können rund 7,5 Millionen Menschen nur unzureichend lesen und schreiben – trotz Schulpflicht. Das hat eine Studie der Uni Hamburg (Level-One-Studie von 2011) ergeben. Die Betroffenen können nur unzureichend am sozialen und ökonomischen Leben teilnehmen. Rund 60 Prozent von ihnen sind berufstätig. Funktionaler Analphabetismus, so der Fachbegriff, betrifft rund 4,3 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter (18- bis 64-Jährige). Das sind 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Sie arbeiten häufig im Niedriglohnbereich. Das Kultusministerium geht davon aus, dass es in Baden-Württemberg rund eine Million funktionale Analphabeten gibt. 

Durch die steigenden Anforderungen in der Arbeitswelt geraten gerade diese Kolleginnen und Kollegen immer stärker unter Druck. „Im Zuge der wachsenden Komplexität von Produktionsprozessen wird sich dieser Trend noch weiter verstärken“, erwartet Nikolaus Landgraf, der Landesvorsitzende des DGB-Bezirks Baden-Württemberg. 

Hier setzt das Projekt MENTO an. MENTO ist ein Projekt des DGB Bildungswerkes Bund, an dem sich der DGB Baden-Württemberg beteiligt. Über seine gewerkschaftlichen Strukturen bildet der DGB Baden-Württemberg Mentoren und Mentorinnen aus den Betrieben aus. Diese Mentoren und Mentorinnen können Betriebsräte sein, grundsätzlich können alle Beschäftigten die angebotene Ausbildung machen.
Ziel sei es, kompetente Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen zu gewinnen, die sich innerbetrieblich für das Thema Grundbildung engagieren und die für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen vertrauensvolle Ansprechpersonen sind, erläuterte Landgraf. Die Mentorinnen und Mentoren sollen die Lernenden darin unterstützen, den für sie geeigneten Bildungsweg zu finden.
So soll ein betriebsübergreifendes, landesweites Netzwerk aufgebaut werden, das auch weiter besteht, wenn das Projekt MENTO beendet ist.

Die bestehenden Angebote für funktionale Analphabeten sind oftmals für erwerbstätige Kolleginnen und Kollegen unter anderem aufgrund von Schichtarbeit nicht wahrnehmbar. Deshalb setzt MENTO auf die Zusammenarbeit mit Betrieben in Baden-Württemberg. Auch die Unternehmen profitieren, wenn sich Beschäftigte bei MENTO engagieren, betonte Gabriele Frenzer-Wolf, die stellvertretende DGB-Landesvorsitzende. „Langjährige und erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden auf diese Weise gefördert.“ Die Gefahr, dass Menschen mit Lese- und Schreibproblemen zu Mobbingopfern werden, sinke.

 

Hintergrund:

2012 ist der DGB der „Nationalen Strategie zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ beigetreten. MENTO ist ein bundesweites Projekt, das seit Anfang 2013 in vier DGB Bezirken (Nord – umfasst Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern -, Berlin-Brandenburg, Hessen-Thüringen und Nordrhein-Westfalen) läuft. Es wird zu 100 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

Die bis jetzt erzielten Erfolge können sich sehen lassen. Mittlerweile haben sich fast 140 engagierte Kolleginnen und Kollegen qualifizieren lassen.

Im Juli 2014 ist MENTO in den DGB Bezirken Baden-Württemberg und Bayern gestartet. Vorläufiges Projektende ist der 31.März 2016. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass es eine Verlängerung geben wird. MENTO wird geleitet vom DGB Bildungswerk Bund mit Sitz in Düsseldorf: www.dgb-mento.de

 

Glossar:

Funktionaler Analphabetismus: Der Begriff trägt der Relation zwischen dem vorhandenen und dem notwendigen bzw. erwarteten Grad von Schriftsprachbeherrschung in seinem historisch-gesellschaftlichen Bezug Rechnung. In einer westeuropäischen Gesellschaft werden weitergehende Kenntnisse erwartet als in den sogenannten Entwicklungsländern. Innerhalb der entwickelten Industriestaaten mit ihren hohen Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache müssen auch jene Personen als funktionale Analphabeten gelten, die über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen.

Grundbildung: bedeutet im engeren Sinne einigermaßen lesen und schreiben zu können, im weiteren Sinne bedeutet Grundbildung Kenntnisse in Fremdsprachen, Medienkompetenz, Kenntnis von Arbeitnehmerrechten. 

Grundgesetz:

Artikel 5, Absatz 1: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. (…)

Artikel 17: Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden. 

 

Kurzbiographien: 

Joschi Moser: Geboren am 29. Mai 1958 in Schwäbisch Gmünd als Sohn einer ungarischen Flüchtlingsfamilie. Ausbildung zum Industriekaufmann bei der ZF AG. Seit 2010 Betriebsrat, heute Sprecher des Betriebsrates von ZF-LS in Schwäbisch Gmünd

Tim-Thilo Fellmer: geboren am 27.12.1967 in Frankfurt/Höchst. Bereits in der Grundschule wurde bei ihm die Diagnose Legasthenie gestellt. Nach insgesamt elf Schuljahren hatte er zwar einen Hauptschulabschluss erreicht, konnte aber immer noch nicht richtig Lesen und Schreiben. Es gelang ihm trotzdem eine Lehre zum Kraftfahrzeugmechaniker abzuschließen, bevor er sich anderer Tätigkeiten zuwandte.

Bei den meisten dieser Tätigkeiten fühlte er sich jedoch durch seine fehlende Lese- und Schreibkompetenz in seinen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Er besuchte zahlreiche unterschiedliche Kurse und nahm lange Einzelunterricht, so dass es ihm über die Jahre hinweg gelang, langsam, Schritt für Schritt seinen Umgang mit der Schriftsprache zu verbessern.

Heute ist Tim-Thilo Fellmer Schriftsteller und Verleger. Ihm gehört der TTF-Verlag in Grefrath. Er engagiert sich in vielerlei Form für die Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland und Europa. Er arbeitet beispielsweise mit dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, dem Deutschen Volkshochschul-Verband. und dem Internetprojekt LegaKids.net zusammen.

 

DGB-Pressestelle
Andrea Gregor

 

DGB/J. Röttgers

v.l.n.r.: Nikolaus Landgraf (Vorsitzender DGB Baden-Württemberg), Gabriele Frenzer-Wolf (stellv. Vorsitzende DGB Baden-Württemberg), Daniel Dzillak (Regionalkoordinator MENTO), Joschi Moser (Betriebsrat ZF Lenksysteme), Tim-Thilo Fellmer (Botschafter d. Bundesverbandes Alphabetisierung u. Grundbildung) DGB/J. Röttgers

Programm-der-Auftaktveranstaltung.pdf (PDF, 510 kB)

Programm der Auftaktveranstaltung MENTO in Baden-Württemberg, 21.01.2015, 17 Uhr, Stadtbibliothek Stuttgart

Anmeldung zur offenen Mentorenausbildung (4 Tage)

 


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