Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 52 - 31.08.2016
Nur noch jeder vierte Betrieb bildet aus

Nachfrage nach Ausbildung ist ungebrochen hoch

Weniger leistungsstarke Jugendliche gehen oft leer aus

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt bleibt nach Ansicht des DGB Baden-Württemberg unbefriedigend. „Trotz des deutlichen Anstiegs der bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Lehrstellen hat sich die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber erhöht. Stand jetzt haben die Arbeitsagenturen 12.563 junge Menschen in ihrer Kartei, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Das ist ein Anstieg von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Nachfrage nach einer beruflichen Ausbildung hat im Jahresvergleich sogar leicht zugenommen“, sagte Gabriele Frenzer-Wolf, die stellvertretende DGB-Landesvorsitzende. Es sei zwar erfreulich, dass auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen merklich gewachsen sei, doch Angebot und Nachfrage passten nicht zusammen. „Dies liegt zum einen daran, dass die Betriebe eine Bestenauslese betrieben. Zum anderen liegt es auch an der Qualität der angebotenen Lehrstellen“, erklärte Frenzer-Wolf.

Die Betriebe hätten sich daran gewöhnt, leistungsstarke Jugendliche bevorzugt einzustellen. Absolventinnen und Absolventen der Hauptschule haben immer schlechtere Chancen, ihren Wunschberuf zu erlernen. Selbst jungen Menschen mit Realschulabschluss und Abitur stünden nicht alle Türen offen. Bei der bundesweiten Lehrstellenbörse des DIHK bleiben fast zwei von drei Ausbildungsangeboten Hauptschülerinnen und -schülern von vornherein verschlossen. Nicht einmal jeder zweite schafft nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) den direkten Sprung von der Schule in die Ausbildung.

Unbesetzte Lehrstellen zeugten meist von einer schlechten Qualität der Ausbildung oder fehlenden attraktiven Berufsperspektiven. Es überrasche nicht, dass die Klagen über Nachwuchsmangel meist aus den Problembranchen wie dem Hotel- und Gaststättengewerbe oder dem Lebensmittelhandwerk kämen. Das zeigt Jahr für Jahr der Ausbildungsreport der DGB-Jugend. Die jungen Menschen beklagen eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz. Wer junge Menschen für eine Ausbildung in einem Betrieb gewinnen will, muss ihnen eine gute Ausbildung und vernünftige Perspektiven bieten.

Die Unterschiede zwischen den Berufen sind enorm. Der im vorigen Herbst erstmals erstellte Ausbildungsbericht der DGB-Jugend Baden-Württemberg hat gezeigt, dass 70 Prozent der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden sind. Die Zufriedenheit ist in der Industrie und in kaufmännischen Berufen besonders hoch. Die restlichen 30 Prozent der Befragten, die unzufrieden sind, haben eine Lehre in den am wenigsten nachgefragten Berufen mit hohen Abbruchquoten angefangen, beispielsweise im Hotel- und Gastronomiegewerbe, in Arzt- und Zahnarztpraxen, Bäckereien und Metzgereien oder in Maler- und Lackierbetrieben.

Die DGB-Jugend bietet für Azubis, die Fragen zu ihrer Ausbildung oder Probleme haben, eine kostenlose Erstberatung an. Auf der Homepage www.doktor-azubi.de wird jeder Fall individuell, unbürokratisch und schnell beantwortet. Zu besonders häufig gestellten Fragen, zum Beispiel, „Müssen Azubis Überstunden machen?“ oder „Was bedeutet die Probezeit?“, gibt es Musterantworten.

Frenzer-Wolf: „Das duale System kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn sich der Großteil der Betriebe aus dem so gerne in Sonntagsreden hochgehaltenen System verabschiedet hat. Nur etwa jeder vierte Betrieb im Land bildet überhaupt aus. Dieser Wert ist beschämend niedrig. Der von den Arbeitgebern so lautstark beklagte Nachwuchsmangel ist selbst verschuldet. Wer nicht in die Fachkräfte von morgen investiert, darf auch nicht klagen.“

Es sei nicht erkennbar, wie die Wirtschaft die gesellschaftspolitisch gebotene Integration von jungen Geflüchteten in Ausbildung leisten wolle. Bisher habe nur ein kleiner Teil von ihnen eine Lehrstelle gefunden, kritisiert der DGB Baden-Württemberg. Er dringt darauf, dass die Arbeitgeber verbindliche Zusagen über zusätzliche Ausbildungsangebote machen. Sie müssten in den nächsten Jahren 50.000 weitere Ausbildungsplätze schaffen. In dieser Größenordnung sehe auch die Landesregierung den Bedarf. Die jungen Geflüchteten müssten die Chance erhalten, sich die  nötigen sprachlichen und kulturelle Kompetenzen anzueignen. Dies könne auch ausbildungsbegleitend, etwa an einem zweiten ganzen Berufsschultag geschehen. Scheitern die Integrationsbemühungen, ist die Gefahr groß, dass die Menschen in die Schwarzarbeit abtauchen oder Billigjobs annehmen. So entstehe sozialer Sprengstoff.  


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