Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 57 - 08.11.2019

Auszubildende wollen besser auf die Digitalisierung vorbereitet werden

DGB-Jugend Baden-Württemberg stellt Ausbildungsreport 2019 vor


Im aktuellen Ausbildungsreport der DGB-Jugend Baden-Württemberg berichten 2.201 Auszubildende über ihre Zufriedenheit und die Qualität ihrer Ausbildung. Er befasst sich mit den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen. Damit gibt die DGB-Jugend jungen Menschen eine Stimme und beleuchtet die Schwachstellen im dualen Ausbildungssystem. Schwerpunkt des dritten Ausbildungsreportes ist die Digitalisierung/Ausbildung 4.0.

Besonderer Schwerpunkt im diesjährigen Ausbildungsreport war das Thema Ausbildung 4.0 / Digitalisierung. Der Einsatz neuer Technologien ist auch für die Berufsausbildung von großer Wichtigkeit. Die Digitalisierung beschleunigt diesen Prozess nochmal, weshalb es besonders wichtig ist, bereits zum Start ins Berufsleben ein gutes Fundament an Wissen und Kenntnissen zu bekommen.  Fast vier Fünftel der befragten Auszubildenden aus Baden-Württemberg (79,7 Prozent) finden die Digitalisierung und Automatisierung in ihrem Ausbildungsberuf „wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“. Doch nur gut die Hälfte der Auszubildenden wird nach eigenen Angaben gezielt für die Nutzung digitaler Technologien qualifiziert. Im Laufe der Ausbildung verschlechtert sich diese Einschätzung sogar noch.

Da sich das Land Baden-Württemberg als Leitregion für den digitalen Wandel sieht, hat die DGB-Jugend Baden-Württemberg die Ergebnisse auch mit dem bundesweiten Ausbildungsreport der DGB-Jugend verglichen: Es gibt keinen markanten Unterschied. Andre Fricke, der Bezirksjugendsekretär der DGB-Jugend Baden-Württemberg sagt dazu: „Eine Leitregion für Digitalisierung existiert aus Sicht der Auszubildenden offensichtlich nur auf dem Papier. Das gibt Anlass zur Sorge. Die Auszubildenden sind die Fachkräfte von morgen. Betriebe und Berufsschulen müssen gleichermaßen mehr Anstrengungen in die Qualifizierung für die Digitalisierung stecken. Die Landesregierung darf bei der Umsetzung der Digitalisierungsstrategie nicht nachlassen und muss darauf achten, dass die Anstrengungen in allen Ausbildungsberufen und Betriebsgrößen Früchte tragen.“

Christina Bäuerle, die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bei Porsche Zuffenhausen, ergänzt: „Digitalisierung in der Ausbildung ist wichtig, aber es müsste dringend darüber aufgeklärt werden, was das eigentlich sein kann. Denn das Berichtsheft am PC zu schreiben, bereitet die Auszubildenden mit Sicherheit nicht auf die digitale Zukunft vor.“

Der Report zeigt, dass sieben von zehn der befragten Auszubildenden mit ihrer Ausbildung „zufrieden“ oder sogar „sehr zufrieden“ sind. Das ist grundsätzlich erfreulich, bedeutet aber zugleich, dass immer noch drei von zehn Auszubildenden unter Ausbildungsbedingungen lernen, die sie nicht zufrieden stellen. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Branchen. Während Industriemechaniker_innen zum dritten Mal in Folge ihre Ausbildung sehr gut bewerten, befinden sich unter den Schlusslichtern weiterhin Verkäufer_innen und Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk. „Als DGB-Jugend können wir nicht hinnehmen, dass Azubis unter Bedingungen einen Beruf lernen, die sie nicht zufrieden stellen. Seit Jahren stagniert die Qualität der dualen Ausbildung im Land. Die Probleme haben die Auszubildenden bereits in den Befragungen im Jahr 2015 und 2017 benannt, aber verbessert hat sich nichts“, sagt  Fricke.

„Die Probleme sind vielfältig und sowohl in den Betrieben als auch in den Berufsschulen zu finden. Sie reichen vom Fehlen eines Ausbildungsplans über die häufige Erledigung ausbildungsfremder Tätigkeiten bis zu großen Defiziten bei der Ausbildungszeit“, so Fricke weiter. Fast die Hälfte der Azubis muss regelmäßig Überstunden machen, was eine Verschlechterung im Vergleich zu 2017 darstellt (2019: 47 Prozent aller Befragten, 2017: 43 Prozent).  Zudem sagten auch dieses Mal knapp neun Prozent aller Befragten unter 18 Jahren, dass sie durchschnittlich mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiteten. „Das ist ein klarer Verstoß gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz der jeweiligen Betriebe, gegen den die zuständigen Behörden und Kammern immer noch nicht ausreichend vorgehen“, krisierte der Bezirksjugendsekretär.

Die fachliche Qualität der Berufsschulen hat aus Sicht der Auszubildenden ebenfalls nachgelassen: Nur 57 Prozent der Befragten bewerten die fachliche Qualität des Unterrichts als „sehr gut“ oder „gut“. 2017 waren es noch 61 Prozent. So fehlt es an den Berufsschulen an einer zeitgemäßen Ausstattung mit Unterrichtsmaterial, Büchern, technischen und digitalen Geräten sowie ausreichend Lehrkräften.

Aus Sicht der DGB-Jugend sind die Betriebe in der Pflicht, mehr in die Qualität der Ausbildung zu investieren. Aber auch die Politik müsse für gute Rahmenbedingungen bei der beruflichen Ausbildung sorgen. Das betrifft die Ausstattung der Berufsschulen, aber auch das Berufsbildungsgesetz (BBIG), dessen Reform kürzlich vom Bundestag beschlossen wurde. „Es ist der Erfolg der Gewerkschaftsjugend, dass die Novellierung nun doch einige positive Änderungen enthält, die den Auszubildenden zugute kommen werden.“ Dazu gehörten die Mindestausbildungsvergütung, Klarstellungen zur Lernmittelfreiheit und Freistellungsmöglichkeiten für Prüfer_innen.

Die DGB-Jugend weist darauf hin, dass die Lage auf dem Ausbildungsmarkt weiterhin angespannt ist. So haben im Ausbildungsjahr 2018 von 107.000 Ausbildungsinteressierten mehr als 31.000 keinen Ausbildungsplatz in Baden-Württemberg gefunden. Diese Zahlen stammen vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BBiB). Sie sind die umfassendste Datenerhebung zum Ausbildungsmarkt, tauchen allerdings in der öffentlichen Debatte kaum auf. Stattdessen werden die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) als gängige Indikatoren für den Ausbildungsmarkt angesehen. Laut BA haben sich im selben Ausbildungsjahr lediglich 67.000 Bewerber_innen bei den Arbeitsagenturen registriert. Dem standen 82.000 Ausbildungsplätze gegenüber. Insgesamt wurden 75.000 Ausbildungsverträge unterzeichnet. Anja Lange, Jugendbildungsreferentin bei der DGB-Jugend: „Die Statistik der BA blendet aus, dass viele Tausende junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden konnten. Dieser Missstand lässt sich nicht allein auf ein Passungsproblem zurückführen. Für viele Tausende Ausbildungsinteressierte gab es von Anfang an kein Angebot. Politik und Arbeitgeber nehmen in Kauf, dass sich sie die Betroffenen in eine Warteschleife begeben und möglicherweise ihr ganzes Berufsleben als „Ungelernte“ auf dem Arbeitsmarkt bestehen müssen – mit niedrigeren Entgelten und einem höheren Risiko, arbeitslos zu werden.“

Link zum Ausbildungsreport: https://bw.dgb.de/-/Sza

 


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