Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 32 - 07.06.2013

DGB und INIFES stellen Gutachten zu prekärer Beschäftigung in Baden-Württemberg vor


DGB-Landeschef Landgraf: „Auch im relativ reichen Baden-Württemberg hat sich die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse deutlich verschlechtert!“

Rund 39 Prozent der Beschäftigten im Land sind heute atypisch beschäftigt – 2003 waren es knapp 32 Prozent

Über 18 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten beziehen nur Niedriglöhne

DGB-Aktionstage für eine „Neue Ordnung der Arbeit“ vom 7.-9.6.2013

Der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf und Prof. Dr. Ernst Kistler, Direktor am Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (INIFES), haben heute auf einer Pressekonferenz im Stuttgarter Gewerkschaftshaus ein Gutachten mit dem Titel „Prekäre Beschäftigung in Baden-Württemberg“ vorgestellt. Erstellt wurde das 120 Seiten starke Gutachten von INIFES im Auftrag des DGB Baden-Württemberg.

Erstmals gibt es damit für Baden-Württemberg eine umfassende Analyse zur Entwicklung, zum Ausmaß und zu den Formen atypischer und prekärer Beschäftigung. Nikolaus Landgraf: „Die Studie zeigt: Auch im Musterland Baden-Württemberg ist nicht alles Gold was glänzt. Die Schattenseiten des viel gerühmten Beschäftigungswunders sind nicht zu übersehen. Das INIFES-Gutachten beleuchtet diese Schattenseiten.“

Der Befund ist laut Landgraf eindeutig: „Die politisch gewollte Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, u. a. durch die Hartz-Reformen und durch betriebliche Strategien des Personaleinsatzes und der Lohnkostensenkung, hat auch im relativ reichen Baden-Württemberg die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Die Ergebnisse des INIFES-Gutachtens sind ein Auftrag an die Politik gegenzusteuern!“

Landgraf wies darauf hin, dass die positive Entwicklung der Beschäftigtenzahl im Land nur die eine Hälfte der Realität sei. So habe die Zahl der Beschäftigten hier stärker zugenommen als die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, das sogenannte Arbeitsvolumen. In Baden-Württemberg wuchs in den letzten elf Jahren (2000 bis 2011) die Zahl der Erwerbstätigen schneller als das Arbeitsvolumen. „Es gibt zwar mehr Beschäftigte, aber nicht unbedingt mehr Arbeit. Die Arbeit ist einfach auf mehr Köpfe verteilt worden – mit der Folge, dass der Anteil der atypischen und prekären Beschäftigung in Baden-Württemberg seit 2003 deutlich zugenommen hat - ihr Anteil an allen Beschäftigten stieg von 31,8 Prozent auf 38,9 Prozent im Jahr 2011.

Atypische und prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben sich laut Studie in Baden-Württemberg mit fast der gleichen Dynamik ausgebreitet wie im westdeutschen Durchschnitt. Was verwundert: Eigentlich hätte man angesichts der positiveren Arbeitsmarktentwicklung im Land von einer anderen Entwicklung ausgehen müssen, sozusagen mustergültige Verhältnisse im Musterland – aber weit gefehlt!

Landgraf: „Viel zu viele Menschen auch im relativ wohlhabenden Baden-Württemberg arbeiten und bleiben trotzdem arm, haben prekäre und/ oder gleich mehrere Jobs und kommen trotz Arbeit nur schwer über die Runden. Und viele haben sehr unsichere Lebensperspektiven mit negativen Auswirkungen auf Beziehungen und soziale Teilhabe. Das wollen wir ändern. Dafür brauchen wir einen Politikwechsel hin zu „Guter Arbeit“.

Einige wichtige Einzelergebnisse des Gutachtens: 

  • Der Niedriglohnsektor ist in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Über 18 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten beziehen nur Niedriglöhne. Seit dem Jahr 2000 steigt ihre Zahl deutlich.

  • Teilzeitarbeit hat in den letzten 11 Jahren sowohl absolut als auch anteilig an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kontinuierlich stark zugenommen.

  • Die Zahl der Leiharbeiter ist in Baden-Württemberg schneller gewachsen als im westdeutschen Durchschnitt. Bereits 2011 hat der DGB dazu eine Studie des IMU-Instituts vorgestellt. Dazu kommen neue Probleme durch den Missbrauch von Werkverträgen.

  • Stark zugenommen hat auch die befristete Beschäftigung. Zwischen dem Jahr 2000 und 2008 ist der Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse an der Gesamtbeschäftigung von 4,7 auf 8 Prozent gestiegen.

  • Die Zahl der Midi- und Mini-Jobs hat nach der Reform zwischen 2003 und 2004 auch im Land sprunghaft zugenommen und ist dann – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 - stetig stark angewachsen. 60 Prozent der Menschen mit solchen Kleinarbeitsverhältnissen waren in Baden-Württemberg 2011 ausschließlich geringfügig beschäftigt, 67 Prozent davon Frauen.

  • 56 Prozent der Frauen sind atypisch beschäftigt gegenüber 23 Prozent bei den Männern. Der Frauenanteil an allen atypischen Beschäftigungsverhältnissen liegt bei 69,9 Prozent. Prekäre Beschäftigung ist zu einem großen Teil weiblich. Von einer eigenständigen Existenzsicherung von Frauen sind wir weit entfernt.

Das Gutachten identifiziert jene Gruppen auf dem Arbeitsmarkt, die trotz relativ guter Arbeitsmarktzahlen besonderen Risiken ausgesetzt sind. Das sind zunehmend junge Menschen, Frauen im mittleren Alter, Ältere gegen Ende des Erwerbslebens und besonders Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Gruppen tragen ein signifikant höheres Prekariatsrisiko. Ihnen müsse die Politik mehr Aufmerksamkeit schenken, so Landgraf.

Als „besonderes Ärgernis“ kritisierte Landgraf die Praxis der Landesregierung, Lehrkräfte nur bis zum Ende des Schuljahres einzustellen, sie über die Ferien in die Arbeitslosigkeit zu entlassen und sie danach wieder einzustellen: „Hier hat die Landesregierung – entgegen früherer Absichtserklärungen - eine traurige Spitzenstellung im Bundesländervergleich. Das darf so nicht bleiben! Öffentliche Arbeitgeber müssen eine Vorbildfunktion übernehmen, sollen ihre politischen Bekenntnisse, ein Musterland für gute Arbeit zu schaffen, glaubwürdig sein!“

Der DGB-Landeschef sagte: „Die besorgniserregende Entwicklung des Ausmaßes atypischer und prekärer Beschäftigung und des Niedriglohnsektors ist kein „Naturgesetz“, schon gar keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Ein Geschäftsmodell, dass nur mit Dumping-Löhnen und prekärer Beschäftigung funktioniert, ist ein falsches Geschäftsmodell!“

Landgraf: „Die Deregulierung des Arbeitsmarkts mit der Zunahme atypischer und prekärer Arbeit hat den Arbeitsmarkt tief gespalten. Sie wird ohne einen Politikwechsel zu wachsender Altersarmut führen. Arbeit verkommt immer mehr zur Ramschware mit geringem Wert, wenn wir nicht gegensteuern. Die Deregulierung war ein Fehler, der rückgängig gemacht werden muss. Deshalb fordern wir: Eine neue Ordnung der Arbeit muss auf die politische Tagesordnung!“

Den sozialpolitischen Rückschritten der Vergangenheit stellen die Gewerkschaften ihre Forderungen nach einer Re-Regulierung der Erwerbsarbeit gegenüber. Mit unserer Forderung nach „Guter Arbeit“ wollen wir natürlich primär die Situation der Betroffenen verbessern, aber es geht auch um die Reduzierung der hohen Kosten dieses Arbeitsmarktmodells für die Allgemeinheit – für die Steuerzahler und für die Sozialversicherungen, während die Arbeitgeber davon profitieren. Und es geht um die Verhinderung von Altersarmut. Dazu gehören gute Arbeit und Reformen bei der Rente.“

Der DGB und seine Gewerkschaften machen sich an den DGB-Aktionstagen vom 7.-9. Juni bundesweit für eine Neue Ordnung der Arbeit stark. Die Aktionen sind Teil der DGB-Kampagne zur Bundestagswahl. Der DGB fordert u.a. die Stärkung der Tarifautonomie, eine Re-Regulierung des Arbeitsmarkts, Gute Arbeit, einen gesetzlichen Mindestlohn, den Ausbau der Mitbestimmung und gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Hinweise:
Das INIFES-Gutachten sowie eine Broschüre dazu und die politischen Forderungen des DGB zur Re-Regulierung der Arbeit finden Sie im Anhang. Die IMU-Studie zur Leiharbeit in Baden-Württemberg finden Sie in unserem Dossier Leiharbeit.


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