Deutscher Gewerkschaftsbund

20.02.2019

Besuch von drei Mannheimer Industriebetrieben

Gute Arbeit in Zeiten der Energiewende und des Kohleausstieges erhalten

Gut bezahlte Industriearbeitsplätze sind ein Stabilitätsanker für die deutsche Wirtschaft. Wie ist es um die Perspektiven für die Industriearbeitsplätze in Zeiten der Energiewende und des Kohleausstiegs bestellt? Darüber hat sich Martin Kunzmann, der Vorsitzende des DGB Baden-Württemberg, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Stuttgart und Mannheim bei einem Besuch in drei Mannheimer Industriebetrieben ein Bild gemacht. Sein Fazit: Dort, wo Geschäftsleitungen und Betriebsräte vertrauensvoll zusammenarbeiten, stehen die Chancen gut, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Gefragt sei jetzt die Politik, sichere und planbare Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Energiewende zu einem ökonomischen und ökologischen Erfolg wird. „Der DGB steht zur Energiewende. Doch der Prozess muss so gesteuert sein, dass eine stabile Energieversorgung für die Industrie und für die Verbraucher/-innen gesichert ist und der Strom auch bezahlbar bleibt. Zudem brauchen wir echte Planungssicherheit, denn es ist kontraproduktiv für Standort und Beschäftigung, wenn Politik ständig die Rahmenbedingungen verändert“, sagte Kunzmann. Mit den Beschlüssen der sogenannten Kohlekommission läge jetzt eine Agenda für den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung vor. Jetzt werde es darauf ankommen, dass diese Agenda auch in eine aktive Strukturpolitik in ganz Deutschland übersetzt werde. „Die Herausforderungen, die auf die Kohlereviere zukommen, sind immens. Doch wenn der Anteil fossiler Brennstoffe weiter sinkt, betrifft das auch die baden-württembergische Wirtschaft in hohem Maß. Versorgungssicherheit wird deshalb in den nächsten Jahren ein industrie,- beschäftigungs,- und verbraucherpolitisches Dauerthema sein. Hier brauchen wir unbedingt verlässliche Lösungen im Interesse aller“, betonte der DGB-Landesvorsitzende. Zum anderen dürfe das Ergebnis der Energiewende nicht sein, dass Baden-Württemberg in großem Umfang Atom- oder Kohlestrom aus dem Ausland importiert. Kunzmann: „Denn dann würden wir uns anlügen.“

 

1. Station Papierfabrik Essity
Tempo und Zewa kennt jedes Kind. Aber Essity? Der Name dürfte vielfach Schulterzucken hervorrufen. Der schwedische Konzern, der weltweit 11,3 Milliarden Euro umsetzt, stellt neben Papiertaschentüchern, Toilettenpapier, Küchenrollen der Marke Zewa sowie Falt und Rollenhandtücher der Marke Tork weitere Hygieneartikel und Verbandsmaterial (Leukoplast) her. Der Standort Mannheim, der dieses Jahr 135 Jahre alt wird, ist das größte Werk von Essity und das einzige, an dem von der Holzanlieferung bis zum fertigen Produkt die ganze Wertschöpfungskette durchlaufen wird. 2.000 Beschäftigte sind hier tätig. Die Produktion laufe im Vier-Schicht-Betrieb „24/7“, also nonstop das ganze Jahr hindurch, erzählt der Werksleiter Roger Schilling. Frank Gottselig, der Betriebsratsvorsitzende am Standort ergänzt stolz: „Wir sind innerhalb des Konzerns einer der Technologieführer. Das Qualifikationsniveau der Beschäftigten ist hoch. Es wird viel in Schulungen und Weiterbildung investiert. Das ist unabdingbar, um die technologischen und organisatorischen Veränderungen zu meistern.“ Die jüngst von der Stockholmer Zentrale verordnete Sparrunde will die IG BCE und der Betriebsrat ohne betriebsbedingte Kündigungen bewältigen, sagt Detlev Stutter von der IG BCE. Auf längere Sicht habe sich die Zahl der Beschäftigten stabil entwickelt.
Essity, vormals SCA und 1884 als Zellstofffabrik Waldhof gegründet, hat schon eine Reihe von Preisen für nachhaltiges Wirtschaften und als vorbildlicher Arbeitgeber bekommen. In der Zellstofffabrik werden praktisch ausschließlich heimische Fichten und Buchen verarbeitet, wobei drei Viertel des nachwachsenden Rohstoffes aus Sägewerken kommen. Die Hälfte des Strombedarfes wird aus eigener Produktion gedeckt, rechnet man Strom und den zur Trocknung des Zellstoffes benötigten Dampf zusammen, sind es sogar 85 Prozent. Als energieintensives Unternehmen ist der eigene Stromverbrauch weitgehend von der EEG-Umlage befreit. Damit dieser Status nicht verloren gehe, werde der Stromverbrauch durch Dritte im Werk akribisch geprüft, berichtet Schilling. „Da müssen wir absolut korrekt sein und jede Kilowattstunde messen, angefangen von der Kaffeemaschine. Deshalb dürfen etwa Beschäftigte ihre E-Bikes nicht auf dem Gelände aufladen“, sagt Ferdinand Graf von Keyserlingk, zuständig für Energieeinkauf und Energieregulierung.
Große Sorgen bereitet Management und Betriebsrat, dass Essity noch keine Zusage hat, dass das Werk als Produzent von Strom aus Biomasse wie andere Bestandsanlagen auch weiterhin durch das EEG gefördert wird. Frank Gottselig zeigt großes Unverständnis, dass Beschlüsse des Bundestages und des Bundesrates nicht vom Bundeswirtschaftsministerium umgesetzt werden und man das Notifizierungsverfahren bei der EU zum Thema Zellstoff und Biomasse Energie nicht begonnen hat. Darum müsse sich das Ministerium dringend kümmern. Denn es habe den gesetzlichen Auftrag, für die Zellstoffindustrie einen Ausgleich für wegfallende Einspeisevergütungen zu schaffen.
Auch ein Kohleausstieg könnte die Stromkosten negativ beeinflussen. Steigerungen bis zu 30 Prozent werden prognostiziert. Zudem steht zu befürchten, dass die Versorgungssicherheit unter dem Wegfall der gesicherten Leistung leidet. Bei Essity erwartet man die Umsetzung der im Bericht der WSB-Kommission aufgeführten Maßnahmen, die diesen negativen Entwicklungen entgegenwirken sollen.

Gruppenfoto Essity Regionsbesuch

Abschlussfoto nach einem langen und informativen Gespräch - mit Ferdinand Graf von Keyserlingk (Regulatory Affairs Manager) und Werksleiter Roger Schilling sowie dem Betriebsratsvorsitzenden Frank Gottselig (von links nach rechts). Mit von der Partie waren weitere Betriebsräte von Essity. Vom DGB Martin Kunzmann und Lars Treusch (4. und 5. von links). DGB BW

 

2. Station Caterpillar Energy Solutions GmbH
Einmal gelb, einmal blau – je nachdem, was die Kunden wünschen. Die Aggregate und Motoren von Caterpillar Energy Solutions kommen einmal in dem charakteristischen Gelb daher, wie man es von Caterpillar kennt, einmal im Enzianblau, wie es die MWM verwendet haben. Diese wurden 1871 als Mechanische Werkstätten in Mannheim von Carl Benz gegründet. Das Produkt sei jedoch dasselbe, sagt Peter Körner, der Geschäftsführer und Personalleiter von Caterpillar Energy Solutions. Seit 2011 gehört das Unternehmen zu dem US-amerikanischen Mischkonzern Caterpillar. Dieser habe das Geschäftsjahr 2018 mit einem Umsatz von 54,7 Milliarden US-Dollar abgeschlossen – „ein toller Erfolg“, streicht Körner heraus. An zwei Standorten in Mannheim sind rund 1000 Mitarbeiter davon 75 Auszubildende beschäftigt. Sie produzieren Gasmotoren und Blockheizkraftwerke - bis hin zu großen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen oder kompletten Gas-Kraftwerken. Zudem ist in der Carl-Benz-Straße die Verwaltung und die Entwicklungsabteilung angesiedelt.
Das Management und der Betriebsrat sind sich einig: Es sei eine Fehlsteuerung von der Politik, dass die Kraft-Wärme-Koppelung nicht stärker gefördert werde. KWK-Anlagen seien extrem effizient, erläutert Christian Wurst, der Vertriebsleiter Deutschland für die Marke MWM. Der Gesamtwirkungsgrad betrage 87 Prozent und mehr, wobei 44 Prozent als Strom und 43 Prozent als Wärme gewonnen würden. In vergleichbaren Anlagen müssten 158 Prozent an Brennstoff für dieselbe Menge an Energie eingesetzt werden. Ein weiterer Pluspunkt von Kraft-Wärme-Koppelung: „Mit mehr dezentraler Energieerzeugung wäre die Wirtschaft nicht so stark auf den Ausbau der Stromnetz angewiesen“, betont Wurst. Damit die Energiewende gelinge, brauche es jetzt nach dem beschlossenen Kohleausstieg erst recht verstärkte Anstrengungen. Eine Tendenz, von der Caterpillar profitiere, sei schon erkennbar: Stadtwerke, die zuvor Braunkohle verstromt hätten, sattelten jetzt auf die Verbrennung von emissionsärmerem Gas um.
Bei Caterpillar Energy Solutions würde man einem anderen Brennstoff gerne zu einer Renaissance verhelfen: dem Wasserstoff. Als importunabhängiger, emissionsarmer Brennstoff könnte er zur dezentralen Energieerzeugung bestens eingesetzt werden. Doch leider friste die Wasserstofftechnologie nur ein Nischendasein.
Geschäftsleitung und Betriebsrat vermissen bei der Politik schmerzlich mehr Planungssicherheit. „Die Produktzyklen betragen drei bis vier Jahre – in dieser Zeit müssen Hersteller und Kunden oft auf mehrere Gesetzesänderungen reagieren. Im schlimmsten Fall gelten die Änderungen auch noch rückwirkend“, sagt Michael Klatt, der Betriebsratsvorsitzende für den Standort und IG-Metaller. Er erinnert daran, dass die jetzige EEG-Förderung in zwei Jahren auslaufe und die Anschlussförderung noch unklar sei.
Geschäftsführer Körner bekennt sich zum Standort Deutschland, macht aber im selben Atemzug darauf aufmerksam, dass die Bäume hierzulande nicht in den Himmel wachsen. Das Wachstum komme aus den asiatischen Märkten. In Deutschland gehe es vor allem darum, Marktanteile zu verteidigen.

Gruppenfoto CES

Von lins nach rechts: Christian Wurst (Vertriebsleiter Deutschland für die Marke MWM), Stefan Rebmann (Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik DGB BW), DGB-Regionssekretärin Miriam Walkowiak, DGB-Landesvorsitzender Martin Kunzmann, Andrea Gregor (Pressesprecherin DGB Baden-Württemberg), Michael Klatt (Betriebsratsvorsitzender von CES am Standort Mannheim), Peter Körner (Geschäftsführer und Personalleiter von CES), Lars Treusch (Regionsgeschäftsführer DGB Nordbaden). Capterpillar Energy Solutions

 

3. Station Großkraftwerk Mannheim (GKM)
Der Blick aus der Schaltzentrale von Block neun des Großkraftwerkes reicht bis zum Odenwald. Im großzügigen Halbrund angeordnete Monitore zeigen an, wie die Turbinen des Steinkohlekraftwerkes arbeiten. Ein halbes Dutzend junger Männer in blauer Arbeitsmontur bespricht die Fahrpläne für die nächsten Stunden. 60 bis 70 Fahrplanänderungen geben die Kunden des GKM pro Tag durch – je nach Entwicklung der Strompreise und aktueller Wetterlage. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, deckt das inzwischen größte Steinkohlekraftwerk Deutschlands die Bedarfe, die die Erneuerbaren nicht befriedigen können.
Doch was wird aus den Beschäftigten, wenn die Kohleverstromung ausläuft? Welche Perspektiven gibt es für die jungen Menschen, die noch relativ am Anfang ihrer Berufslaufbahn stehen? Der Betriebsratsvorsitzende Ümit Lehimci macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: „74 Auszubildende haben wir hier. Die Ausbildungsquote ist mit elf Prozent doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Jetzt hat die sogenannte Kohlekommission den Ausstieg aus der Braunkohle beschlossen. Auch die Steinkohle gilt als Auslaufmodell. Und? Was sagt die Politik den jungen Menschen, die auf einen sicheren Arbeitsplatz angewiesen sind? Da warte ich dringend auf Antworten.“ Lehimci ist stolz darauf, dass praktisch alle Kollegen und Kolleginnen bei ver.di organisiert sind.
Anfang der 90er Jahren waren noch rund 1400 Menschen in dem Kraftwerk beschäftigt, heute sind es noch ca. 600. Mit seinen vier Blöcken produziert das GKM rund acht Terrawattstunden an Strom pro Jahr – 15 Prozent des gesamten deutschen Bahnstromes kommen von dort. Zudem versorgt ein 800 Kilometer langes Fernwärmenetz die gesamte Region bis hinauf nach Speyer. Es ist deutschlandweit das viertgrößte. Dank der Fernwärme kommt die Anlage auf eine Brennstoffausnutzung von 70 Prozent, allein mit Kohle wären es lediglich 38 Prozent.
Holger Becker, der kaufmännische Vorstand des GKM, wartet mit vielen Fakten und Schaubildern auf. Ihm geht es darum, das negative öffentliche Image der Steinkohle zu korrigieren. Es ärgert ihn, dass Steinkohle und Braunkohle oft in einen gemeinsamen Topf geworfen werden. „Richtig ist: Die Steinkohle allein erreicht die 1990 von der Bundesregierung beschlossenen Klimaschutzziele. Und was man auch nicht vergessen darf: Weltweit findet ein immenser Ausbau an Steinkohlekraftwerken statt, vor allem in Südostasien. Kohle ist global gesehen überhaupt kein Auslaufmodell.“ Selbstverständlich steht Becker zu den deutschen Klimaschutzzielen. Er gibt aber zu bedenken: Die deutschen CO2-Reduktionsziele seien im Vergleich mit dem Ausstoß der Chinesen lediglich „Rundungsdifferenzen“.
Betriebsrat und Vorstand verlangen von der Politik, dass sie das Thema Versorgungssicherheit zur Chefsache macht. Zwar werde das den Versorgern RWE, EnBW und der MVV gehörende Großkraftwerk voraussichtlich eine der Anlagen sein, die noch am längsten Kohle verstromen werden. Aber schon heute sei der Betrieb mit Kohle aufgrund des niedrigen Börsenpreises für Strom unrentabel. Und eine etwaige Umrüstung zum Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk erfordere dreistellige Millionenbeträge. Was Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite aber am meisten umtreibt ist die Frage nach der Versorgungssicherheit: Es sei unstrittig, dass ausreichend konventionelle Kraftwerke benötigt werden, die als leistungsfähige Back-up-Lösungen zur Verfügung stehen müssen, wenn die Erneuerbaren nicht liefern können. Becker: „Diese Dunkelflauten können einzig mit Gas- oder Kohlestrom ausgeglichen werden. Die Frage ist nur: Wer stellt diese Kapazitäten bereit? Und wie können diese in Deutschland zu wirtschaftlich vernünftigen Bedingungen vorgehalten werden?“ Hierauf brauche die Energiewirtschaft, aber auch die Industrie und die Verbraucher schnell verlässliche Antworten.

Gespräch GKM Mannheim

von links nach rechts: Gerard Uytdewilligen (technischer Vorstand GKM Mannheim AG), Holger Becker (kaufmännischer Vorstand GKM Mannheim AG), der Betriebsratsvorsitzende Ümit Lehimci sowie Stefan Rebmann und Martin Kunzmann vom DGB Baden-Württemberg. DGB BW


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