Deutscher Gewerkschaftsbund

27.08.2012

Automobilindustrie im Umbruch (einblick, 27.08.2012)

27.08.2012

Automobilindustrie: Eine Branche im Umbruch

Ein rote Karosserie in einer Automobil-Fertigungsstraße

DGB/Simone M. Neumann

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Automobil­industrie ist groß. Von ihr gehen nicht nur starke Impulse auf Wachstum und Beschäftigung aus, das Auto prägt auch seit Jahrzehnten die Verkehrsentwicklung und die Mobilitätsgewohnheiten der Menschen. In Zeiten konjunktureller Unsicherheiten steht sie umso mehr im Fokus des öffentlichen Interesses, denn sie gilt als eine sehr stark konjunkturabhängige Branche – ein Autokauf kann ohne weiteres hinausgezögert werden.

Die Autoindustrie ging zwar rückblickend gestärkt aus der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 hervor. Der weltweite Autoabsatz erreichte 2011 mit 64,5 Millionen verkauften Autos eine neue Rekordmarke. Aber was zunächst wie ein Erfolg klingt, zeigt den tiefgreifenden Wandel der Branche. Während die Verkäufe in den Schwellenländern sprunghaft anstiegen, waren die europäischen Traditionsmärkte wie Deutschland, Frankreich oder Italien zum Teil von Kaufzurückhaltung geprägt. In Folge der Eurokrise sank der europäische Autoabsatz im ersten Halbjahr 2012. Besonders schlecht lief es in den süd­europäischen Ländern (Italien -20%; Spanien -8%; Frankreich -14% zum Vorjahreszeitraum).

Diese Entwicklung spaltet die europäische Autoindustrie in zwei Lager: Auf der einen Seite stehen mit VW, BMW oder Daimler wachstumsstarke, weltweit agierende Hersteller. Auf der anderen Seite Marken wie Renault, Opel, Fiat oder PSA Peugeot Citroën mit zunehmenden Absatzproblemen, die sich auf ihre Heimatmärkte konzentriert haben. Wie reagieren die Hersteller auf diese Situation? Sie gewähren angesichts der Verluste in Europa ihren Kunden immer höhere Preisnachlässe, sodass Fiat-Chef Sergio Marchionne den VW-Konzern jüngst in der New York Times beschuldigte, bei der Rabattschlacht „ein Blutbad“ anzurichten. Er ging sogar so weit, staatliche Gelder für Werksschließungen in Europa zu fordern.

Arbeitsplatzabbau ist für die IG Metall allerdings kein Heilmittel. Stattdessen muss der Strukturwandel in der Automobilindustrie aktiv gestaltet werden. Ökologisch und innovativ. Die IG Metall tritt einer rein finanzmarktgetriebenen Unternehmenssteuerung und neoliberaler Wirtschaftspolitik entgegen. Gewachsene, leistungsfähige, innovative Arbeitsplätze und gute Arbeit dürfen nicht gefährdet werden. Die Konsolidierung in der Automobilindustrie hat eine neue Dynamik bekommen, an deren Ende die Beschäftigten nicht als Verlierer dastehen sollen – dafür setzt sich die IG Metall ein.

Andererseits befindet sich die Automobilindus­trie auf dem Weg zur Elektromobilität. Mit der Einrichtung der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) im Jahr 2010 hat die deutsche Bundesregierung die politischen Weichen gestellt. Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs hat weitreichende Auswirkungen auf Hersteller und Zulieferer, auf Beschäftigung und Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten. Die NPE – an der auch die IG Metall beteiligt ist – will die Wettbewerbsfähigkeit durch Innovationen erhalten und ausbauen sowie die zentralen Akteure vernetzen. Das Elektroauto soll nicht nur in Deutschland entwickelt und gefahren, sondern auch gebaut werden. Das setzt allerdings Investitionen in Aus- und Weiterbildung voraus. Mit dieser Diskussion eng verbunden ist die Frage nach der Rolle des Elektroautos in einem integrierten Mobilitätskonzept. Das Auto als Teil eines Netzwerks, zu dem Fahrräder, Busse oder Bahnen gehören, setzt an einem Paradigmenwechsel an: weg vom individuellen Eigentum des Autos hin zu einer nachfrageorientierten Mobilität.

Ob der Weg zur Elektromobilität und zum Mobilitätsdienstleister sozial verträglich stattfindet und sogar neue Chancen für qualifizierte Beschäftigung eröffnet oder ob er als Jobkiller für Belegschaften und Standorte wirkt, können wir nicht alleine den Marktprozessen überlassen. Dafür ist eine industriepolitische Steuerung unter aktiver Beteiligung der Beschäftigten, der Betriebsräte und der Gewerkschaften notwendig.


Erschienen in: einblick 14/2012 vom 27.8.2012
https://einblick.dgb.de/-/PXC


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