Deutscher Gewerkschaftsbund

02.10.2015
Artikel aus der GEW-Zeitschrift bildung & wissenschaft 09/2015

Richtig gutes Geld für richtig gute Arbeit

Von Frauen dominierte Tätigkeiten sind oft schlechter bezahlt als typische Männerberufe. Das ist ungerecht, finden Gewerkschaften. Mit dem eg-check lässt sich diese Ungerechtigkeit auch beweisen. Die stellvertretende DGB-Landesvorsitzende Gabriele Frenzer-Wolf beschreibt dieses Instrument und wirbt für seinen Gebrauch.


Im Sozial- und Erziehungsdienst kämpfen die Beschäftigten um die Aufwertung von Tätigkeiten in typisch weiblichen Berufsfeldern mit anspruchsvoller Ausbildung, in denen die Anforderungen deutlich gestiegen sind. 76 Prozent der Beschäftigten sind der Auffassung, dass die Leistungsanforderungen zugenommen haben, fast die Hälfte meint sogar „sehr stark“, lautet der Befund der Beschäftigtenbefragung zum aktuellen Tarifkonflikt des Tübinger Forschungsinstituts für Arbeit, Technik und Kultur. So sehen das mehrheitlich selbst die kommunalen Arbeitgeber, wie eine weitere Befragung in den Kommunen ergab. In der Bevölkerung herrscht breites Verständnis für die Anliegen der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst. Fast zwei von drei Bundesbürgern unterstützen diese, wie eine entsprechende Umfrage zum „Kita-Streik“ ergab.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Mitgliedsgewerkschaften streiten schon lange für eine Aufwertung weiblich dominierter Tätigkeiten. In einem Projekt der Hans-Böckler-Stiftung haben die Wissenschaftlerinnen Karin Tondorf und Andrea Jochmann-Döll den Werkzeugkasten „eg-check“ entwickelt, der im Netz frei verfügbar ist (www.eg-check.de). Mit diesen Instrumenten kann jeder und jede prüfen, ob zum Beispiel Tarifverträge geschlechtergerecht sind. Der Werkzeugkasten basiert auf dem Recht der Europäischen Union, das festschreibt, dass nicht nur gleiche, sondern auch gleichwertige Arbeit gleich entlohnt werden muss. Dabei hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einer Vielzahl von Entscheidungen geklärt, dass Entgeltsysteme durchschaubar sein müssen und dass alle wesentlichen Anforderungen an die Tätigkeit nach den gleichen Kriterien zu bewerten sind. Mit anderen Worten: Es darf nichts Wesentliches unter den Tisch fallen und es ist immer die gleiche Elle anzulegen. Auf dieser Basis ist es möglich, auch inhaltsverschiedene Tätigkeiten innerhalb eines Entgeltsystems daraufhin zu überprüfen, ob die Tätigkeiten gleichwertig und dementsprechend auch gleich zu bezahlen sind.

 

Sind die Tätigkeiten eines Bautechnikers und einer Erzieherin gleichwertig?

Das fragten sich Kolleginnen des Verdi-Bezirksfrauenrates Stuttgart 2011 nach einem Blick in den TVöD. Dort stellten sie nämlich fest, dass die tariflich bewerteten Anforderungen eher für eine höherwertige Tätigkeit der Erzieherin sprechen. Während für die Erzieherin eine „staatliche Anerkennung“ und für den Techniker eine „staatliche Prüfung“ nötig sind, muss der Techniker nach der E 10 TVöD (Überleitungstabelle des TVÜ-VKA) „schwierige“ Aufgaben erfüllen, dagegen übt die Erzieherin „besonders schwierige“ Tätigkeiten aus (S 8 TVöD). Der Gehaltsvorteil des Technikers von mehr als 400 Euro (2.591,75 Euro vs. 2.189,56 Euro) leuchtet nicht ein. Deshalb führten die Kolleginnen ausführliche Interviews mit Beschäftigten beider Berufsgruppen, um ein möglichst umfassendes Bild der tatsächlichen Tätigkeit zu erhalten und die Anforderungen auch adäquat bewerten zu können. Die Prüfung erfolgte dann in den folgenden vier Anforderungsbereichen:

Wissen und Können: Hier geht es keineswegs nur um Fachkenntnisse und Fertigkeiten, die durch die Grundausbildung erworben wurden, sondern auch um fachbezogene Zusatzqualifikationen, fachübergreifende Kenntnisse und Fertigkeiten sowie vorausgesetzte fachliche Erfahrung in der Praxis. Eine Rolle spielen aber auch Anforderungen, wie „Planen und Organisieren“, das Bewältigen von Arbeitsunterbrechungen oder das Erfordernis ununterbrochener Aufmerksamkeit und Konzentration. Es zeigte sich, dass der Techniker in diesem Bereich einen Punktwert von 14 Punkten gegenüber der Erzieherin mit 13 Punkten erzielte. Unterschiede ergaben sich zum einen dadurch, dass der Techniker in einem höheren Maße fachübergreifende Kenntnisse und Fertigkeiten benötigt. Beispiele dafür sind Sprachkenntnisse, EDV-Kenntnisse, methodische Kenntnisse und Fertigkeiten (wie Moderation, Präsentation, Problemlösungstechniken), Kenntnisse und Fertigkeiten in Erster Hilfe oder Arbeitssicherheit. Die Tätigkeit der Erzieherin erfordert dagegen eine hohe und ununterbrochene Aufmerksamkeit und Konzentration, um jederzeit auf unvorhergesehene Ereignisse und ungeplante (auch gruppendynamische) Situationen reagieren zu können. Ein Nachlassen der Aufmerksamkeit und Konzentration ist zwischendurch nicht möglich, ohne die Tätigkeit oder ihre mindestens erforderliche Qualität zu gefährden. Insgesamt sind die Tätigkeiten in diesem Prüfungsbereich aber praktisch gleichwertig.

Psychosoziale Anforderungen: Während die erforderliche Ausbildung bei Bewertungen regelmäßig die Hauptrolle spielt, werden die psychosozialen Anforderungen an Tätigkeiten fast nie berücksichtigt. Dennoch handelt es sich auch dabei um Anforderungen, die bei der Ausübung der Berufe erbracht werden müssen und die damit nach der Rechtsprechung des EuGH auch zu bewerten sind. Dabei fällt auf, dass gerade die – oft Frauen zugeschriebenen - psychosozialen Anforderungen unter den Tisch fallen und andererseits die physischen Anforderungen regelmäßig bei männerdominierten Tätigkeiten für Zulagen herangezogen werden. Es wundert kaum, dass die Erzieherin in diesem Bereich mit 12 Punkten vorne liegt, während der Techniker nur 9 Punkte erzielte. Während die Punktwerte sowohl bei der Kooperationsfähigkeit als auch beim Einfühlungs- und Überzeugungsvermögen gleich sind, erfordert der Beruf der Erzieherin eine höhere Kommunikationsfähigkeit, weil sie nicht nur in der Lage sein muss, komplexe Inhalte, deren Formulierung durchdacht ist, situationsgerecht zu übermitteln. Vielmehr muss sie das auch adressatengerecht tun können und ihre Kommunikation sowohl auf Kinder als auch auf Eltern einstellen können. Einen höheren Punktwert erreichte die Erzieherin auch bei den belastenden psychosozialen Bedingungen, weil sie mit dem Leid und Problemen anderer konfrontiert ist und weil sie in der Lage sein muss, die eigene momentane Situation und Gefühlslage auszublenden und sich gleichbleibend freundlich und zuvorkommend zu verhalten.

Verantwortung: Verantwortung kennen wir aus Tarifverträgen nur in Form von Führungs- oder Personalverantwortung, seltener auch als Finanzverantwortung. Sie wird aber in einer Vielzahl von Berufen auch für Sachwerte, für die Umwelt und für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Sicherheit anderer getragen. Hier erzielte der Techniker 8 Punkte gegenüber der Erzieherin mit 4 Punkten unter anderem wegen seiner Verantwortung für Geld- und Sachwerte von mehr als 500.000 Euro und für die Umwelt. Außerdem ist er verantwortlich für die Projektleitung, Fachaufsicht und Koordination einer ständigen Arbeitsgruppe. Die Erzieherin punktet dagegen vor allem bei der Verantwortung für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Sicherheit anderer.

Physische Anforderungen: Wir kennen die Berücksichtigung von besonderen physischen Belastungen aus einer ganzen Reihe von Entgeltsystemen. Während schweres Heben oder Tragen von Lasten bei männerdominierten Tätigkeiten nicht selten zu höherer Eingruppierung oder wenigstens zu einer Zulage führt, ist das hingegen bei einer Altenpflegerin nicht vorgesehen. Auch belastende Bedingungen durch die Umgebung spielen zwar bei Straßenreinigung eine Rolle, da man dort Wind und Wetter ausgesetzt ist, doch Lärm und Dampf in einer Spülküche finden keine Berücksichtigung. Hier punktet wiederum die Erzieherin mit 4 Punkten, weil sie Körperkraft von bis zu 10 Kilo mehrmals täglich einsetzen muss und bis zu drei Mal im Monat belastende arbeitszeitliche Bedingungen in Kauf nimmt. Außerdem ist sie über das übliche Maß hinaus unfall- und ansteckungsgefährdet und sie ist sowohl starkem Lärm als auch unangenehmen Gerüchen ausgesetzt. Der Techniker erzielt in diesem Bereich keinen Punkt.

Ergebnis: Die Summe der Punktwerte von 33 bei der Erzieherin sowie 31 beim Baubezirkstechniker zeigt klar, dass die beiden Tätigkeiten mindestens gleichwertig sind. Da die beiden Tätigkeiten im gleichen Tarifgefüge bewertet und eingruppiert sind, bedeutet das auch, dass die Erzieherin einen Anspruch auf Beseitigung der Diskriminierung hat. Und die benachteiligende ungleiche Bezahlung einer gleichwertigen Tätigkeit kann nur durch eine Entlohnung auf dem Niveau des Technikers beseitigt werden. Nur das wäre gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit. Nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz kommt einer Erzieherin dabei die in Paragraf 22 geregelte Beweiserleichterung zu Gute: Sie muss lediglich den Anfangsbeweis führen und Indizien beweisen, die eine Benachteiligung wegen des Geschlechts vermuten lassen. Das kann mit Hilfe eines wie hier beschriebenen Vergleichs gelingen. In diesem Fall kehrt sich die Beweislast um, und der Arbeitgeber muss den Gegenbeweis führen.

Es ist ein Jammer, dass bislang keine Erzieherin diesen Schritt gegangen ist. Aber klar ist auch: Selbst mit Unterstützung durch den gewerkschaftlichen Rechtsschutz ist es kein leichtes Unterfangen, im laufenden Arbeitsverhältnis Klage gegen den Arbeitgeber zu führen. Und ein Verbandsklagerecht sowie ein Entgeltgleichheitsgesetz fordern wir bis heute ohne Erfolg. Das macht diesen Arbeitskampf auch für andere frauendominierte und häufig unterbewertete Berufe so wichtig. Er zeigt, dass sich die Frauen nicht länger abspeisen lassen und eine angemessene Bezahlung lautstark einfordern: Richtig gutes Geld für richtig gute Arbeit!

 

 


 

Psychosoziale Belastung

 


Tätigkeit
W1

Tätigkeit M1

Mündliche Vermittlung unerwünschter Inhalte

Regelmäßig erforderliche Vermittlung von Inhalten, die für den/die Empfänger/in unerwünscht und folgenschwer sind.

1

1

Eingeschränkte mündliche Kommunikation (isolierte Tätigkeit)

Kommunikation ist während der Arbeitszeit ausschließlich über Funk oder Telefon oder sogar überhaupt nicht möglich.

 

 

Erschwerte Kontaktbedingungen

Die Tätigkeit erzeugt bei den Kontaktpersonen negative Gefühle oder muss gegen deren Willen durchgesetzt werden.

 

 

Zeitliche Restriktionen (auch: monotone Arbeitsabläufe)

Arbeitsabläufe und Zeitraster sind kaum oder gar nicht beeinflussbar und müssen strikt eingehalten werden.

 

 

Konfrontation mit Problemen und Leid anderer

Die Tätigkeit beinhaltet Kontakt zu Personen mit z.B. schweren Krankheiten, psycho-sozialen Problemen oder Todesfällen.

1

 

Konfrontation mit abstoßenden Situationen

Schwierig zu objektivieren, nachvollziehbar vorhanden beim Umgang mit entstellten Leichen oder schwersten Verletzungen.

 

 

Bewusst gesteuerte Umgangsformen

Die Tätigkeit erfordert es, die eigene momentane Situation und Gefühlslage auszublenden und sich gleichbleibend freundlich und zuvorkommend zu verhalten.

1

 

Weitere psycho-soziale Belastungen

Der Katalog kann um weitere Kriterien ergänzt werden, die nicht aufgeführt wurden, wie z.B. die Mitverfolgbarkeit der Tätigkeit für Außenstehende, das selbständige Treffen folgenschwerer Entscheidungen oder die öffentlich/politisch exponierte Position

 

 

 

Summe

 

3

1

Info: Ausschnitt aus der Mustertabelle zur Feststellung der Gleichwertigkeit von Tätigkeiten des eg-check. Hier Checkliste zu den psychosozialen Belastungen. W1 steht für eine weibliche Vergleichsperson und M1 für eine männliche. Es können max. 3 Belastungen in die Bewertung eingehen, um das Gewicht dieses Bewertungsaspekts zu begrenzen. Wenn die psychosoziale Belastung typisch für die Tätigkeit ist, wurde eine 1 eingetragen.


 

EG-Check im Internet: www.eg-check.de

Gabriele Frenzer-Wolf, stellvertretende DGB-Landesvorsitzende

 


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