Deutscher Gewerkschaftsbund

01.03.2013

Frauen: Jetzt reden wir über Geld

FRAUEN
verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Die Zahl schwankt je nach Branche. Am größten war der Abstand zwischen Männern und Frauen 2011 in der Bekleidungsindustrie. Mit Folgen für die Rente. In Westdeutschland beträgt die Lücke von Frauen bei der Altersrente fast 50 Prozent. In Ostdeutschland liegt sie bei rund einem Drittel.

MÄNNER
verdienen im Schnitt 22 Prozent mehr als Frauen. Die höchsten Monatsbruttoeinkommen erzielten sie 2011 mit 5058 Euro bei der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten. Am wenigsten verdienten Männer in der Herstellung von Holz-, Flecht-, Korb- und Korkwaren, im Schnitt 2852 Euro. Damit bekamen sie aber immer noch 700 Euro mehr als ihre Kolleginnen.

Von: Fabienne Melzer

Diskriminiert? – Nein, diskriminiert fühlte sich Ariane Keller nicht, als der Chef ihr auf die Frage nach mehr Geld antwortete: »Sie haben doch einen Mann, der hier auch gut verdient, da brauchen Sie nicht mehr.« Ariane Keller ist ihm nicht an den Hals gesprungen. Sie hat sich auch nirgendwo beschwert. »Da kann man nichts machen«, dachte die Frau, die ihren wirklichen Namen nicht nennen möchte, und: »Mach keinen Aufstand. Wer weiß, wie lange Du noch mit ihm arbeiten musst.«
Seit 16 Jahren arbeitet die heute 58-Jährige in einem Sekretariat. Mehr Geld bekam sie nur einmal. Ganz am Anfang. Sie übernahm neue Aufgaben, verfolgte Beauftragungen und überprüfte Rechnungen. »Ich habe die Arbeit von Sachbearbeiterinnen erledigt, aber bezahlt wurde mir das nie.«
Frauen haben einiges erreicht. Sie machen gute Schulabschlüsse und engagieren sich in ihrem Beruf. Doch beim Geld liegen sie seit Jahren hinter den Männern zurück. Dabei unterscheiden Tarifverträge schon lange nicht mehr nach Geschlechtern, anders als noch in den 1950er-Jahren. Damals hatten Frauen etwa in der Metallindustrie Nordwürttemberg-Nordbaden eine eigene Lohngruppe. Die Arbeiterinnen kamen in der Tabelle an letzter Stelle, nach den ungelernten Arbeitern. Solche Zeiten sind vorbei. Bezahlt wird die Arbeit – nicht, wer sie macht. So regeln es die Tarifverträge, so soll es sein.
Aber ist es tatsächlichso? Dagegen spricht die unbestreitbare Lohnlücke. Im Durchschnitt verdienen Frauen rund 22 Prozent weniger als Männer. Aber nicht, weil sie Frauen sind, sagen all jene, die immer für alles eine Erklärung haben. Eine davon lautet: Frauen wählen die falschen Berufe. Wer Sozialarbeiterin statt Ingenieurin wird, verdient eben weniger. Eine andere: Frauen arbeiten oft nur Teilzeit. Klar, dass da am Monatsende weniger herumkommt. Viele Modelle berücksichtigen solche Faktoren. Sie rechnen Abschlüsse, Betriebszugehörigkeit oder Teilzeit heraus und kommen am Ende immer wieder zu einem Ergebnis: Ein Drittel der Verdienstlücke lässt sich damit nicht erklären.

Verdienen Frauen also weniger, weil sie Frauen sind? Monika Heim von Festo in Esslingen und Monika Tielsch von Daimler in Sindelfingen war klar: Diese Frage konnten sie nicht aus dem Bauch heraus beantworten. Sie brauchten Fakten. Deshalb schauten sie sich an, wie die Frauen in ihren Betrieben über die verschiedenen Einkommensstufen verteilt sind. Zwei unterschiedliche Betriebe, zwei ähnliche Ergebnisse: Sowohl bei Daimler als auch bei Festo überwiegt in den niedrigen Entgeltgruppen der Frauenanteil. In den höchsten Einkommensstufen sind Männer dagegen fast unter sich. »Von 512 Meistern in der Produktion sind gerade mal vier Frauen«, sagt Monika Tielsch von Daimler. Bei Festo zählte Monika Heim bei den übertariflich bezahlten Beschäftigten nur sechs Prozent Frauen. Noch mehr als die Zahlen überraschte sie, wie sehr das Ergebnis ihre Vermutungen bestätigte. »Keine Frage, gleiche Aufgaben werden gleich bezahlt. Aber die Aufgaben sind sehr unterschiedlich verteilt.«

Die Argumente fliegen. 
Nur, warum ist das so? »Zum Beispiel, weil Frauen in der Produktion bei der kleinen Karriere übergangen werden «, sagt Monika Heim. »Facharbeiterinnen werden gar nicht erst gefragt, ob sie in der Instandhaltung oder als Einstellerin arbeiten wollen.« Kandidaten für eine berufliche Weiterentwicklung seien oft die, die lange im Betrieb sind. Das sind noch immer die Männer. »In den Augen vieler Führungskräfte sind sie die guten Leute«, sagt Monika Heim. »Daran liegt es nicht«, antworten die Männer. »Frauen bewerben sich nicht für diese Stellen.« Wenn Monika Heim kritisiert, dass zu wenig Frauen in Führungspositionen kommen, sagen ihr Männer: »Es gibt eben nicht genug Ingenieurinnen.« Nur: In Abteilungen mit hohem Frauenanteil sieht es nicht anders aus. »Im Bereich Personal arbeiten überwiegend Frauen, aber auf den Chefsesseln sitzen vor allem Männer.«
Dieses Argumente-Pingpong kennt auch Monika Tielsch bei Daimler. Als sie bei der Einführung von Era darauf hinwies, dass Berechnungsingenieurinnen in der Elternzeit in die Entgeltgruppe 13 kommen, die Männer aber alle in der 16 sind, erhielt sie als Antwort: »Die Männer sind länger im Betrieb.« Und: »Die Frau kümmert sich jetzt um die Kinder. Wer weiß, ob sie überhaupt wiederkommt.« Als sie die Lebensläufe von Industriekaufleuten verglich, fiel ihr auf, dass Frauen nach sechs Jahren oft im Sekretariat saßen, während Männer als besser bezahlte Sachbearbeiter arbeiteten. Die Erklärung ihrer Kollegen kann sie sich denken.
Monika Tielsch lässt nicht locker. Sie will sich die Zahlen für das Leistungsentgelt anschauen. Wie sieht das bei Teilzeitkräften aus? Sie will wissen, wie lange Ingenieurinnen und Ingenieure im Betrieb sind und wer von ihnen in welcher Entgeltgruppe ist. Doch bislang rückte das Unternehmen die Zahlen nicht heraus. Zwischen Frauen und Männern fliegen die Argumente wie Bälle auf der Tischtennisplatte hin und her. Kein Wunder, schließlich geht es um Geld. Christiane Benner stellt sich bei diesem Thema auf Konflikte ein. Das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall ist zuständig für Frauen und hat sich vorgenommen, die Entgeltlücke zu schließen. Wenn nötig Betrieb für Betrieb. Dass das kein Spaziergang wird, ist Christiane Benner klar. »Gleiche Bezahlung kostet die Unternehmen Geld.«Die Einkommenslücke muss gefüllt werden, aus dem Geldbeutel der Arbeitgeber.
Da stoßen Betriebsrätinnen schnell auf Widerstand. Zum Beispiel Christa Hourani. Die Betriebsrätin in der Zentrale von Daimler in Stuttgart wollte einen Workshop für Sekretärinnen organisieren. Es ging um zusätzliche Qualifikationen und darum, die Frauen aus der beruflichen Sackgasse herauszuführen. Als solche empfinden viele Sekretärinnen ihren Job. Finanziell ist er es ohne Zweifel. Ein oder zwei Entgeltgruppen – mehr Luft nach oben gibt es nicht. »Natürlich wollten wir die Kolleginnen über die Qualifizierung in eine höhere Entgeltgruppe bekommen «, sagt Christa Hourani.
Sie hatte alles vorbereitet. Geld hätte es aus Töpfen des Bundes und der Europäischen Union gegeben. Das IMU-Institut in Stuttgart wollte das Projekt personell unterstützen. Doch Daimler lehnte ab. Begründung: Das Unternehmen könne sich das Projekt finanziell und personell nicht leisten.

Mit festen Zielen.  
Bei Bosch in Bamberg müssen sich Vorgesetzte genau überlegen, warum sie eine Förderung ablehnen. Seit einigen Jahren gibt es dort ein Gleichstellungsaudit. Das Ziel: mehr Frauen in höherwertige Arbeit bringen. Betriebsrätinnen wie Andrea Helmrich-Haselbauer achten darauf, dass Bosch dieses Ziel erreicht.
Einmal im Jahr legen Betriebsrat und Arbeitgeber fest, wo der Frauenanteil steigen muss. Ein Jahr später fragt der Betriebsrat ab, ob die Ziele erreicht wurden. »Da muss der Vorgesetzte begründen, warum er ein Ziel nicht erreicht hat«, sagt Andrea Helmrich-Haselbauer. »Bevor sie sich auf Diskussionen einlassen, holen viele eine Frau zusätzlich in die Abteilung.« So konnte die Betriebsrätin schon viele Ziele als erreicht abhaken. So einfach funktioniert es aber nicht immer. »Das Ganze steht und fällt mit den handelnden Personen.« In einer Abteilung musste erst der Vorgesetzte gehen, bevor der Anteil der Frauen stieg. 
Ein schwieriger Vorgesetzter ist ein Grund, warum Frauen nicht vorankommen. Aber es gibt noch andere. Viele Unternehmen schmücken sich zwar damit, dass sie Frauen fördern. Oft geht es aber über ein paar Frauen in Führungspositionen nicht hinaus. Frauenförderung muss früher ansetzen. Viele Frauen bleiben schon nach der Ausbildung stecken. Die kleine Karriere an der Basis, wo Männer in die Instandhaltung gehen, ihren Techniker oder Meister machen, bleibt Frauen noch oft verschlossen. Facharbeiterinnen, die ihre Ausbildung als Landesbeste abgeschlossen haben, hängen in der Produktion fest, wo sie sich kaum entwickeln können. Nicht unbedingt, weil sie es so wollen. Führungskräfte – überwiegend Männer – treffen die Auswahl und sprechen häufiger Männer an.
Ein anderer Grund: Die Berufswelt orientiert sich noch immer an einer männlichen Kultur. Bis vor Kurzem war es die Anwesenheitskultur. Wer lange an seinem Arbeitsplatz saß, galt als leistungsfähig und kletterte die Karriereleiter und damit die Einkommensstufen hinauf. Die Verfügbarkeitskultur hat die Anwesenheitskultur inzwischen abgelöst. Zur Spitze gehört nun, wer abends und am Wochenende an seinem Smartphone und Laptop hängt. Weder die eine noch die andere Kultur entspricht den Lebensumständen vieler Frauen. Sie sind immer noch diejenigen, die Familie und Beruf vereinbaren müssen. Auch wenn manche Männer das ebenfalls wollen.

Gering geschätzt. 
Manchmal muss man ganz genau hinschauen, um den Fehler bei der Bezahlung zu entdecken. Oft sind Frauen zwar richtig eingruppiert, aber ihre Arbeit nicht. Andrea Helmrich-Haselbauer von Bosch fällt die Geschichte der Sichtprüfung ein, wo jahrelang nur Frauen arbeiteten. Der Job war schlecht bezahlt. Die Begründung: Dafür müssten die Frauen nicht viel können. Eine Einschätzung, die offensichtlich vor allem jene teilten, die diese Arbeit nie gemacht hatten. 
Als dort die Nachtschicht eingeführt wurde, mussten auch Männer die Sichtprüfung übernehmen. Frauen durften da nachts noch nicht arbeiten. Andrea Helmrich-Haselbauer muss an diesem Punkt der Geschichte noch immer lachen: »Es war richtig schwer, für diesen Job überhaupt Männer zu finden, die das konnten.« Kaum hatte man sie gefunden, bekamen die Sichtprüfer und -prüferinnen zusätzliche Aufgaben und mehr Geld. 
Die Geschichte ist aus den 1980er-Jahren. Doch das Prinzip hat überlebt. Typische Frauenarbeit wird geringer geschätzt und entsprechend schlechter bezahlt. Monika Tielsch von Daimler denkt dabei an die Sekretärinnen in ihrem Unternehmen. »Sie machen mehr, als Post zu sortieren oder Termine zu vereinbaren. Viele arbeiten als kaufmännische Assistenz«, sagt die Betriebsrätin. »Aber die Männer bestreiten das.« 
Für Frauen im Sekretariat wie Ariane Keller bedeutet das nicht nur weniger Geld. Sie vermissen auch die Anerkennung ihrer Leistung und kommen im Alter kaum auf einen grünen Zweig. »Ich will gar nicht daran denken, was mein Einkommen für meine Rente bedeutet«, sagt die 58-Jährige. Nach der Abfuhr, die sie sich von ihrem Chef geholt hatte, hat sie nicht noch einmal nach mehr Geld gefragt. Heute denkt sie: »Man hätte sich mehr wehren müssen.«

 

Tipp: 
Verdiene ich, was ich verdiene? Damit Frauen nicht weniger verdienen, sollten sie an einigen Stellen genau hinschauen. Tipps dazu hat die IG Metall in ihrem Flyer »Faire Bezahlung für Frauen« zusammengestellt. Ihr könnt ihn im Internet herunterladen: www.igmetall.de/faire-bezahlung-frauen

 

Dieser Artikel ist erschienen in 'metallzeitung' Nr. 03/ März 2013
Link: http://www.igmetall.de/cps/rde/xbcr/internet/metall_03_2013_0196320.pdf


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