Deutscher Gewerkschaftsbund

01.10.2012

Prekäre Beschäftigung und Neuordnung auf dem Arbeitsmarkt (IG Metall)

Jeder Fünfte arbeitet für einen Niedriglohn

01.10.2012 Ι Gute Arbeit, faire Löhne und eine ausreichende Alterssicherung - darauf sollten die Menschen sich verlassen können. Tatsächlich jedoch arbeiten immer mehr für einen Niedriglohn und müssen befürchten im Alter zu verarmen. Prekäre Beschäftigung führt zu Ungleichheit. Die IG Metall fordert eine neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt.

Frauen, junge Menschen, Minijobber, Leiharbeiter, Migranten, befristet Beschäftigte und gering Qualifizierte - sie alle haben eines gemeinsam: Das Risiko, zu einem Niedriglohn arbeiten zu müssen. Und das ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Prof. Dr. Gerhard Bosch im Auftrag der IG Metall. Die Studie wurde am 28. September 2012 Berlin vorgestellt.

Unsichere und schlecht bezahlte Tätigkeiten haben zugenommen. Dieser Trend ist nicht nur wie bisher auf Leiharbeit, Werkverträge oder Befristungen beschränkt. Inzwischen sind viele Menschen, die ein normales Beschäftigungsverhältnis haben, ebenfalls davon betroffen.

Jeder zweite unter 25 Jahre ist Niedriglöhner

Ein Stundenlohn, der niedriger als 8,50 Euro ist, war im Jahr 2010 für 6, 8 Millionen Menschen in Deutschland normal. 4,1 Millionen erhielten sogar nur ein Stundenentgelt, das unter sieben Euro lag. Doch anders als in Frankreich und Belgien gibt es hierzulande weder allgemeinverbindliche Mindestlöhne noch entsprechende Tarifverträge. Auch Dänemark und Schweden tut etwas gegen das allgemeine Absacken der Entgelte - mit einer hohe Tarifbindung. "Findige Unternehmer können da Schlupflöcher finden für schlechter bezahlte Arbeit", erläutert Prof. Dr. Gerhard Bosch.  Gerade junge Menschen stecken in einer Falle. Hier ist es sogar jeder zweite Beschäftigte unter 25 Jahren, der hierzulande für einen Niedriglohn tätig ist. Da mit einem so niedrigen Einkommen das Geld oft nicht zum Leben reicht, verdienen viele von ihnen mithilfe eines Minijobs noch etwas dazu. Andere dehnen ihre Wochenarbeitszeit aus.  

Doch fürs Alter vorsorgen, das ist dann oft nicht mehr drin. In keiner anderen Altersgruppe ist der Negativtrend so alarmierend. Denn der Anteil der Betroffenen erhöhte sich von 1995 bis 2010 um fast 16 Prozent. Wenn sie nach der Schule oder nach dem Ausbildungsende keinen Job finden, gehen junge Leute nicht selten in Leiharbeit. Doch ihre Hoffnungen, darüber in einen festen Arbeitsplatz zu kommen, erfüllen sich nicht. Die Studie belegt, dass Niedriglöhne und atypische Jobs immer weniger ein Sprungbrett in reguläre Arbeit sind. Tatsächlich sind die Chancen über Leiharbeit und Minijobs in besser bezahlte Tätigkeiten zu gelangen, sogar noch gesunken.  Zwei Drittel aller Geringverdiener sind weiblich. Frauen werden immer noch massiv in kleinere Beschäftigungsverhältnisse gelenkt. Viele von ihnen arbeiten in einem Minijob. Was einst als Hinzuverdienstmöglichkeit für Ehefrauen gedacht war, entpuppt sich immer mehr als Sackgasse. Den meisten Frauen in einem Minijob gelingt es nicht, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu wechseln. Zu groß sind die Fehlanreize über Ehegattensplitting, einem Steuervorteil für Ehepaare und der daraus abgeleiteten Krankenversicherung. Sie bleiben bis ans Lebensende abhängig vom Ehepartner. Doch wer wenig verdient, bekommt später auch nur eine niedrige Rente. 

 
 

 Mitbestimmung zahlt sich aus

Positiv ist, das sich Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung durch Betriebsräte auswirken. Das belegt die Tatsache, dass in Betrieben, die nicht tarifgebunden sind oder keinen Betriebsrat haben, Niedriglöhner seltener zu finden sind.

 Billigarbeit wird für Steuerzahler teuer

Für die Gesellschaft und die Steuerzahler kommen die Billiglöhne teuer zu stehen. Immer häufiger müssen die niedrigen Erwerbseinkommen durch Arbeitslosengeld II aufgestockt werden. 2010 kostet das den Steuerzahler 11,5 Milliarden Euro. Und damit ist es nicht getan. Denn mit geringen Entgelten und unterbrochenen Erwerbsbiographien können die Menschen keine ausreichende Alterssicherung aufbauen.

So geht es besser

Eine Neuordnung auf dem Arbeitsmarkt ist notwendig. Dazu müssen jedoch nicht die Einführung eines gesetzlichen  Mindestlohnes und die Stärkung des Tarifsystems. Notwendig ist auch, dass Leiharbeit und Minijobs neu gestaltet, eine Qualilfizierungsoffensive für mehr Aus- und Weiterbildung und ein neues Leitbild von guter Arbeit angestoßen wird. Außerdem muss ein Verbandsklagerecht für Gewerkschaften eingeführt und die individuellen anonymen Beschwerdemöglichkeiten für Beschäftigte gestärkt werden. Mit "Billiger-Strategien" wird Deutschland im Wettbewerb mit anderen Ländern keine Chance haben.

 


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