DGB Baden-Württemberg, Gewerkschaften und Bundesagentur für Arbeit werben für eine beschäftigungsorientierte KI-Strategie: Innovation, Mitbestimmung und Qualifizierung gehören zusammen.

„Wie kann Künstliche Intelligenz so eingesetzt werden, dass sie Produktivität steigert, den Fachkräftemangel abfedert und gleichzeitig Gute Arbeit stärkt?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der KI-Konferenz des DGB Baden-Württemberg, der Bundesagentur für Arbeit und der Gewerkschaften Ver.di und IG Metall. Einen Tag lang diskutierten im Gewerkschaftshaus Stuttgart rund 250 Teilnehmende, darunter viele Betriebs- und Personalräte sowie Beschäftigte und Führungskräfte der BA über eine beschäftigungsorientierte Einführung von KI in Betrieben und Dienststellen.

In den Panels mit Vertreter*innen der BA, aus der Wissenschaft, Gewerkschaften, Betriebsräten und Arbeitgebern wurde deutlich: Die Einführung von KI ist kein Selbstzweck. Sie muss Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verbessern helfen und sollte als Human Friendly Automation gestaltet werden. Das gilt in produktionsnahen wie auch indirekten und Dienstleistungsbereichen. Dazu gehören starke Mitbestimmung, Qualifizierung und eine konsequent beschäftigungsorientierte Einführung von KI-Tools. 

Kai Burmeister: KI-Einführung braucht Souveränität, Mitbestimmung und Qualifizierung

DGB-Landesvorsitzender Kai Burmeister stellte gleich zu Beginn zwei Leitfragen in den Mittelpunkt: Wem gehört die KI – und wem nützt sie? Entscheidend sei, dass die Entwicklung Künstlicher Intelligenz nicht allein von wenigen internationalen Technologiekonzernen bestimmt werde. Europa müsse digitale Souveränität stärken und gleichzeitig sicherstellen, dass Beschäftigte über ihre Mitbestimmungsrechte Einfluss auf den Einsatz von KI in den Betrieben nehmen können.

Dabei machte Burmeister deutlich: Gerade weil KI eine Basistechnologie der zukünftigen Arbeitsbeziehungen ist, dürfen Mitbestimmungsrechte zu ihrer Einführung und Anwendung nicht eingeschränkt werden. Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Datenschutz und Diskriminierungsfreiheit müssen ebenso selbstverständlich sein wie die Regel, dass Entscheidungen über Leistung, Personaleinsatz oder Arbeitsorganisation letztlich von Menschen verantwortet werden.

Andrea Nahles: KI als Antwort auf den demografischen Wandel

Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, warb in ihren einführenden Worten dafür, den technologischen Wandel aktiv zu gestalten. KI werde bleiben. Deshalb komme es darauf an, Ängste ernst zu nehmen und gleichzeitig ihre Chancen zu nutzen.

Mit dem Satz „KI küsst Demografie" beschrieb Nahles die zentrale Chance: Schon ab dem Jahr 2026 wird das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland dauerhaft zurückgehen. Gleichzeitig gehen allein bei der Bundesagentur für Arbeit bis 2032 rund 35.000 Beschäftigte in den Ruhestand. Produktivitätssteigerungen durch KI seien deshalb ein wichtiger Baustein, um Wohlstand und Leistungsfähigkeit auch mit weniger Erwerbstätigen zu sichern.

Dabei stellte Nahles klar, dass erfolgreiche Digitalisierung keine technische, sondern vor allem eine sozialpartnerschaftliche Aufgabe ist. Entscheidend seien Qualifizierung, Mitbestimmung und Beteiligung der Beschäftigten. Die Bundesagentur setze deshalb auf eine "human friendly automation", bei der KI Menschen unterstützt statt ersetzt. Neue Technologien müssten mit Weiterbildung, ethischen Leitlinien und klaren Vereinbarungen zum KI-Einsatz verbunden werden und die Bundesagentur selbst erprobt bereits erfolgreich mehr als 30 KI-Anwendungen und Konsultationsverfahren zusammen mit ihren Beschäftigtenvertretungen.

Melanie Arntz: Produktivität entsteht nicht durch Technik allein

Prof. Dr. Melanie Arntz vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ordnete in ihrer Keynote den wissenschaftlichen Kenntnisstand ein. KI könne erhebliche Produktivitätsgewinne ermöglichen. Diese stellten sich jedoch nicht automatisch ein. Unternehmen müssten gleichzeitig in Datenqualität, Organisationsentwicklung, Führung und die Kompetenzen ihrer Beschäftigten investieren.

Die derzeitige Forschung zeige zudem bislang keine flächendeckenden Beschäftigungsverluste durch KI. Vielmehr veränderten sich Tätigkeiten innerhalb von Berufen. Ob daraus bessere Arbeit oder Rationalisierung entstehe, hänge maßgeblich davon ab, wie KI eingeführt werde.

Arntz warb deshalb für mehr Experimentiermöglichkeiten in den Betrieben und für eine Weiterbildungskultur, die Beschäftigte aktiv beim Wandel unterstützt.

Podium der Sozialpartner: KI muss Gute Arbeit stärken

In der Podiumsdiskussion bestand Einigkeit darüber, dass Baden-Württemberg gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche KI-Transformation besitzt. Voraussetzung sei jedoch, Innovation mit sozialer Gestaltung zu verbinden.

Barbara Resch (Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg) betonte, dass Produktivitätsgewinne durch KI auch bei den Beschäftigten ankommen müssten. Der größte Qualifizierungsschub seit Jahrzehnten sei notwendig, um die Transformation erfolgreich zu gestalten. In einer Zeit, wo Arbeitgeber sich von Sozialpartnerschaft verabschieden und wieder stärker dem „billiger statt besser arbeiten“-Credo anhingen, falle ihr der ursprüngliche Optimismus zur KI-Einführung mit den Beschäftigten jedoch zusehends schwer angesichts der betrieblichen Kämpfe der Kolleg*innen.

Maike Schollenberger (Landesbezirksleiterin von ver.di Baden-Württemberg) verwies insbesondere auf die Chancen für den öffentlichen Dienst und viele Dienstleistungsberufe. KI könne Beschäftigte von Routinetätigkeiten entlasten. Voraussetzung sei jedoch, die Beschäftigten frühzeitig einzubeziehen und klare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Stefan Küpper (Geschäftsführer Bildung, Arbeitsmarkt und Landespolitik bei Unternehmer Baden-Württemberg) unterstrich, dass Innovation nicht allein durch neue Technologien entstehe. Entscheidend seien Führung, Qualifizierung und Veränderungsbereitschaft in den Unternehmen. Lernzeiten und Weiterbildung müssten stärker unterstützt werden.

Mitbestimmung entscheidet über den Erfolg

In mehreren Workshops diskutierten Betriebsräte, Personalräte und BA-Beschäftigte konkrete Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis.

Deutlich wurde: Beim Einsatz von KI geht es längst nicht mehr nur um klassische IT-Systeme. KI verändert Arbeitsprozesse kontinuierlich und oft schleichend. Deshalb braucht Mitbestimmung neue Instrumente: von ethischen Leitlinien über transparente Informationsprozesse bis hin zu verbindlichen Qualifizierungsvereinbarungen und regelmäßigen Evaluationen während der Einführung neuer Systeme.

Gerade Betriebs- und Personalräte verfügen über das notwendige Wissen über Arbeitsabläufe und betriebliche Prozesse, um KI so mitzugestalten, dass Beschäftigte entlastet werden und Unternehmen gleichzeitig produktiver werden.

Gute KI braucht Gute Arbeit

Die Konferenz machte deutlich: KI ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung. Sie bietet erhebliche Chancen für Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und die Bewältigung des Fachkräftemangels. Ob diese Potenziale genutzt werden, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Technologie.

Der DGB Baden-Württemberg setzt sich deshalb für eine beschäftigungsorientierte KI-Strategie ein: mit starker Mitbestimmung, einer neuen Weiterbildungskultur und einer Sozialpartnerschaft, die Innovation und Gute Arbeit gemeinsam gestaltet. Denn nur wenn Beschäftigte den Wandel mitgestalten können, wird KI zu einem Erfolgsmodell für Wirtschaft und Gesellschaft.