Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 66 - 16.09.2015

DGB plädiert für eine umfassende sozio-ökonomische Bildung

Die Anhörungsfassungen zum Fach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung genügen den gewerkschaftlichen Anforderungen noch nicht


Der DGB-Bezirk Baden-Württemberg unterstützt das Vorhaben der Landesregierung, sozio-ökonomische Bildung und eine umfassende Berufs- und Studienorientierung in den neuen Bildungsplänen zu verankern. Er begleitet den Prozess, der bundesweit Beispielcharakter haben kann, aktiv mit. Das sagte der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf anlässlich der Vorstellung eines Gutachtens zum Schulfach Wirtschaft/ Berufs- und Studienorientierung (WBS). Das neue Schulfach soll 2016/2017 an allen weiterführenden allgemeinbildenden Schulen des Landes eingeführt werden.

Der DGB Baden-Württemberg begrüßt, dass die Bildungspläne eine breite sozio-ökonomische Bildung als Lernziel formulieren. Umso bedauerlicher sei es, dass die dort beschriebenen Kompetenzen hinter dem Anspruch zurückblieben. „Die jetzt vorgelegten Anhörungsfassungen der Bildungspläne genügen den gewerkschaftlichen Anforderungen daher noch nicht“, sagte Landgraf bei einem Pressegespräch. Die Gefahr sei groß, dass der vom Kultusministerium postulierte Bildungsanspruch im Schulalltag nicht eingelöst werden könne. Ein integriertes Fach Politik, Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung wäre die bessere Alternative gewesen. „Die Gewerkschaften sind überzeugt, dass sich in einem integrierten Fach sozio-ökonomische Bildung besser vermitteln ließe. Schülerinnen und Schüler bekämen die Inhalte näher an ihrer Lebenswelt vermittelt“, sagte Landgraf.

Der DGB hält die jetzt vorgesehene Trennung der Fächer Gemeinschaftskunde und WBS deshalb nur für die zweitbeste Lösung. „Wir wollen jedoch keine Fundamentalopposition betreiben, sondern konstruktive Vorschläge machen“, versicherte der Landesvorsitzende. Die Gewerkschaften sehen viele gute Ansätze in den vorgelegten Anhörungsfassungen, etwa dass Interessenkonflikte als solche benannt werden und Lebensrisiken wie Prekarisierung und Arbeitslosigkeit thematisiert werden.

Sie haben aber auch mehrere wesentliche Kritikpunkte. „Gerade das Fach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung muss auch das Denken in Alternativen schulen und eine vielseitige und offene Urteilsbildung ermöglichen. Im Mittelpunkt der vorgelegten Bildungspläne stehen stattdessen noch immer modellhafte ökonomische Denkschemata“, kritisierte Landgraf.

Der DGB hat die Kölner Bildungsforscherin Prof. Birgit Weber deshalb gebeten, die Bildungsplanreform zu untersuchen. Ihr jetzt veröffentlichtes Gutachten legt substanzielle Mängel bei der Einführung des Fachs WBS offen.

Die Gewerkschaften dringen darauf, dass die Bildungspläne  überarbeitet werden. Ihnen ist wichtig, dass in unseren Schulen eine breite sozio-ökonomische Bildung vermittelt wird. Damit dieses Ziel erreicht wird, sollten alle Beteiligten für das Thema sensibilisiert werden: die Landespolitik, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und selbstverständlich auch die Schülerinnen und Schüler.

Das Themenfeld Verbraucher dient gegenwärtig vor allem dazu, ökonomische Modelle zu vermitteln, ohne an die konkrete Lebenssituation der Schüler und Schülerinnen anzuknüpfen. Beispielsweise werden Kaufentscheidungen vor allem durch das ökonomische Prinzip erklärt. Die ethische, soziale und ökologische Dimension wird zu wenig berücksichtigt. Die Möglichkeiten nachhaltigen Konsums oder des Konsumverzichts, die kritische Konsumentensouveränität und Themen des Verbraucherschutzes kommen in den Bildungsplänen zwar vor, aber nicht in der Intensität, die aus Sicht der Gewerkschaften nötig ist.

„Zukunftsfähige Gesellschaften mit innovativen Betrieben brauchen mündige Bürgerinnen und Bürger, selbstständige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und aufgeklärte Konsumentinnen und Konsumenten“, betonte der DGB-Landeschef. Die Bildungspläne seien aber kaum geeignet, die Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe zu sichern oder bei der Bewältigung von praktischen Fragestellungen Hilfe zu leisten. Die Reproduktion von Wissen stehe im Vordergrund. Kritisches Urteilsvermögen sei kaum gefordert. Landgraf: „Mit einer VWL-Vorlesung ist niemandem geholfen. Statt Theorievermittlung ist eine Urteilskompetenz nötig, die sich an der aktuellen und zukünftigen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientiert.“

In dem Themenfeld Erwerbstätiger fehlt nach Ansicht des DGB vor allem die Darstellung von Unternehmen als arbeitsteilige Organisationen. Dies ist mit Blick auf die Vorbereitung von Betriebspraktika aber erforderlich, damit ein sinnvoller Beitrag zur Berufs- und Arbeitsweltorientierung geleistet wird. Auch erscheinen die Anforderungen der Arbeitswelt als unabänderlich. Schülerinnen und Schüler sollten aber gerade lernen, dass soziale Kontexte veränderbar sind –  vor dem Hintergrund, dass die Arbeitswelt immer fordernder wird und Erwerbstätigkeit nicht unbedingt mehr einen sozialen Aufstieg ermöglicht.

Unternehmerpersönlichkeiten und Entrepreneurship würden dagegen breiten Raum einnehmen, obwohl sich Schulabgängerinnen und Schulabgänger ganz überwiegend nicht schon in jungen Jahren selbstständig machen. Der Eindruck einer Imagekampagne sei naheliegend. Auf der Arbeitnehmerseite fehle eine gleichwertige Entsprechung. Zwar seien Betriebsräte und Gewerkschaften als Akteure der Gestaltung der Arbeitswelt genannt. „Das begrüßen wir selbstverständlich“, lobte Landgraf. Er schränkte jedoch ein, dass die Arbeitnehmervertreterinnen und –vertreter bedauerlicherweise nicht den gleichen Stellenwert wie die Unternehmensseite hätten.

Darüber hinaus fehle Entscheidendes, sagte Landgraf: „Kriterien für gute Arbeit werden nicht entwickelt, ihre Durchsetzung durch Solidarität unter den Beschäftigten kommt kaum vor.“ Die Gewerkschaften verstehen unter guter Arbeit eine angemessene Bezahlung, ausreichend Fortbildungsmöglichkeiten, eine gute Work-Life-Balance und Arbeit, die nicht krank macht. Eine bloße Abgrenzung von prekärer Arbeit reiche an dieser Stelle nicht aus.

Neuere Ansätze – etwa die Verhaltensökonomik -, aber auch  Unternehmens- und Wirtschaftsethik, Alternativen des Wirtschaftens (etwa Gemeinwohlökonomie, solidarisches Wirtschaften, Sharing Economy) oder auch eine kritische Auseinandersetzung über systemische Fragen des Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft seien in den Bildungsplänen nicht zu finden. Dies sei umso bedauerlicher, als seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 eine breite öffentliche Diskussion über die Stabilität unserer Wirtschaftsordnung, Grenzen des Wachstums und das Primat der Politik stattfinde. „Gesellschaftliche Entwicklungen können nicht allein durch eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie in angemessener Weise erklärt werden“, argumentierte Landgraf. In der Regel sei keine Referenzdisziplin allein in der Lage, ein angemessenes Wissen für komplexe ökonomische Fragen zu liefern.

Die vorgesehenen Stundentafeln weisen in der Sekundarstufe I Gemeinschaftskunde und dem neuen Fach WBS mit insgesamt zehn Jahreswochenstunden in den Werkrealschulen, den Realschulen und den Gemeinschaftsschulen einen angemessenen Stellenwert bei (fünf pro Fach). Dieser Anteil ist nach Auffassung des DGB für das Gymnasium ebenfalls nötig. Dort sind drei Jahreswochenstunden für WBS und vier für Gemeinschaftskunde vorgesehen. Das ist eindeutig zu wenig. Zum einen, wenn man den Umfang mit Geschichte (zehn Jahreswochenstunden) vergleicht, zum anderen ist kaum vorstellbar, dass Lehrkräfte und Schüler und Schülerinnen alle Anforderungen der Bildungspläne in dieser Zeit bewältigen können. Landgraf: „Wir dürfen die Lehrkräfte, die ja mit dem Fach WBS auch Neuland betreten, nicht überfordern. Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Lernenden, die sich die neuen Wissensgebiete mit Spaß und Interesse erarbeiten können sollen.“

Problematisch ist auch die Verteilung bedeutsamer Inhalte für die Verbraucherbildung und Berufsorientierung zwischen dem Pflichtfach Wirtschaft und dem Wahlpflichtfach Alltagskultur, Ernährung und Soziales (AES). Während sich ersteres auf wissenschaftliche Bezüge beschränkt, werden in dem Wahlpflichtfach AES lebenswelt- und subjektbezogene Bezüge hergestellt. Landgraf: „Es ist unbefriedigend, dass für die Schülerinnen und Schüler höchst relevante Themen in den nicht-gymnasialen Schulformen in ein Wahlpflichtfach gepackt werden und am Gymnasium gar nicht vorgesehen sind – zum Beispiel Kaufentscheidungen“, monierte Landgraf.

 

Vita Birgit Weber:

Prof. Dr. Birgit Weber ist seit 1989 im Bereich der ökonomischen Bildung tätig und wirkt seit 2011 als Universitätsprofessorin für Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt ökonomische Bildung an der Universität zu Köln. Bis 2010 hat sie diverse Mängel ökonomischer Bildung in sozialwissenschaftlichen und arbeitsorientierten Integrationsfächern diagnostiziert, allerdings auch curricular an der Verbesserung der ökonomischen Bildung in den curricula mitgewirkt.


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